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Geiselnehmer mit 2,3 Promille

Busentführung in Höxter: Prozess gegen 47-Jährigen

HÖXTER/PADERBORN.Zu viel Alkohol, zu lange schon: Ein 47-Jähriger, der im Suff in Höxter im März einen Linienbus entführt und durchs Weserbergland dirigiert hatte, steht jetzt wegen Geiselnahme in Paderborn vor Gericht. Er spricht viel über sich, aber wenig über die angeklagte Tat – denn an die kann er sich nur bruchstückhaft erinnern.

veröffentlicht am 27.09.2017 um 14:39 Uhr
aktualisiert am 27.09.2017 um 18:10 Uhr

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Am 24. März gegen 20.40 Uhr steigt der 47-Jährige am Bahnhof in Höxter in den 18-sitzigen Bus der Deutschen Bahn. Er hält dem Fahrer ein Messer vor und fordert ihn auf, an der Haltestelle wie gewohnt die Fahrgäste aufzunehmen. Nur ein Mann steigt ein, ein des Deutschen kaum mächtigen Pizzeria-Mitarbeiter, der nach Hause will. Obwohl für den Busverkehr gesperrt, lässt der 47-Jährige den Bus auf die Weserbrücke steuern, anhalten und fordert Fahrer und Fahrgast auf, die Scheiben mit Zeitungspapier zu verkleben. Mittlerweile ist schon die Polizei im Anmarsch – Auftakt zu einer Verfolgungsjagd auf beiden Seiten der Weser, kreuz und quer durch die Dörfer rund um Höxter und Holzminden. Der betrunkene Täter lässt den Bus an einer Tankstelle halten, damit der Fahrgast ihm eine Flasche Schnaps holen kann. Der 46-Jährige kommt nicht zurück, also lässt der Geiselnehmer den Fahrer die Fahrt ohne ihn fortsetzen. Sie dauert bis 1 Uhr, als der 47-Jährige an einem Parkplatz in Höxter eine Pinkelpause einlegen lässt. Dort greift das Spezialeinsatzkommando der Polizei zu, bringt den Busfahrer in Sicherheit und überwältigt den Geiselnehmer. Er kommt zunächst in die Psychiatrie.

An all diese Dinge hat der 47-Jährige nur rudimentäre Erinnerung, wie er zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Paderborn zugibt. Dass er die Tat begangen hat, räumt er ein. Warum, weiß er nicht mehr. „Es war unsinnig, irgendwo wollte ich nicht mehr leben“, vermutet er. 1992 kam der gelernte Betonbauer aus seiner Geburtsstadt Potsdam nach Höxter, wegen der Liebe. Die Ehe zerbrach vor drei Jahren, zu seinen 22 und 18 Jahre alten Kindern und zu der mittlerweile geschiedenen Ehefrau hat er keinen Kontakt mehr. Der Grund: Alkohol. 2014 habe er eine Auszeit nehmen wollen, um wieder auf die Reihe zu kommen, sagt der 47-Jährige. „Da war ich seelisch schon ziemlich tief gesunken.“ Seinen Job habe er daraufhin verloren, in der Folgezeit Entgiftungen und Rehas gemacht, sei wieder rückfällig geworden. Im Januar 2017 sei der Vater in Potsdam gestorben, das habe ihm den Rest gegeben: Das geerbte Barvermögen habe er binnen kurzer Zeit in Berlin versoffen und auch für Drogen ausgegeben. Als er Anfang März nach Höxter zurückgekehrt sei, „da war ich ein Schatten meiner selbst“. Was am Tattag in dem Angeklagten vorging, weiß er selbst nicht. Möglicher Weise gibt es einen Zusammenhang mit einem Konflikt, der an jenem Tag aus Freundschaftsanfragen auf seinem Facebook-Account resultierte. Dazu sollen Zeugen am nächsten Verhandlungstag befragt werden. Ein Taxifahrer, der den Alkoholkranken vor der Tat zum Bahnhof in Höxter gefahren hatte, sagt als Zeuge aus, der 47-Jährige habe ihm während der Fahrt wirres Zeug über einen Film mit einer Busentführung erzählt. Er habe einen depressiven und gereizten Eindruck gemacht. Auch der Busfahrer und der Fahrgast beschreiben den 47-Jährigen als eher ziellos in seinen Handlungen – die Irrfahrt als Abbild seines alkoholumnebelten Gemütszustandes. Zwar ohne körperliche Schäden, aber traumatisiert haben die beiden Insassen des gekaperten Busses das Erlebnis überstanden. Der 46 Jahre alte Fahrer ist noch immer nicht wieder arbeitsfähig ist und wie der gleichaltrige Fahrgast in psychologischer Behandlung.

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. „Wenn der Busfahrer mir eine gewuppt hätte, dann wäre die Sache sofort zu Ende gewesen“, räsoniert der Angeklagte. Der Fahrer wiederum betont, er habe sich an die Dienstanweisung gehalten, zu deeskalieren und jegliche Konfrontation zu vermeiden. „Ich hatte Angst, man weiß ja nie, wie es ausgeht.“ Außerdem habe der Geiselnehmer gesagt, er werde bestimmt von der Polizei erschossen, wenn er aufgebe. „Ob er das so auch gewollt hat, weiß ich nicht.“ Der Angeklagte selbst kann sich auch daran nicht erinnern.
Termin: Die Verhandlung wird am 17. Oktober fortgesetzt.



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