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Mutmaßliche Täter werden Haftrichter vorgeführt / Wie die falschen Polizisten vorgingen

Bande will Ehepaar um Ersparnisse bringen

HAMELN. Ermittlern des Zentralen Kriminaldienstes (ZKD) in Hameln ist es gelungen, die am Dienstagnachmittag vorläufig festgenommenen Tatverdächtigen anhand ihrer Fingerabdrücke zu identifizieren. Nach Angaben der Fahnder handelt sich um zwei Männer (20, 24). Die Tatverdächtigen werden beschuldigt, Mitglieder eines ausländischen Verbrechersyndikats, das von der Türkei aus operiert, zu sein. Es soll sich um sogenannte „Läufer“ handeln, die im Auftrag von Logistikern, die zur mittleren Ebene der Bande gehören, Geld und Gold bei Senioren abholen.

veröffentlicht am 26.11.2020 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 07.12.2020 um 09:13 Uhr

Ulrich Behmann

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Chefreporter zur Autorenseite

Die Männer, die auf frischer Tat ertappt wurden, sind nach Erkenntnissen der Polizei extra angereist. Der 24-Jährige ist den deutschen Ermittlungsbehörden bekannt – er soll bereits wegen Rohheitsdelikten wie Raub, gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und wegen Betäubungsmittel-Delikten in Erscheinung getreten sein. Sein jüngerer Kumpel soll bislang lediglich wegen kleinerer Rauschgift-Delikte unter Verdacht gestanden haben. Derzeit wird bundesweit geprüft, ob die Männer für ähnlich gelagerte Straftaten infrage kommen. Die Tatverdächtigen wurden am Mittwoch einem Haftrichter vorgeführt.

Die Kriminellen sind streng hierarchisch organisiert. Die Bosse, die im Hintergrund die Fäden ziehen, betreiben nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden in der Türkei Callcenter, in denen die sogenannten „Keiler“ arbeiten. Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch, kennen polizeiliche Strukturen, geben sich als Kriminalbeamte aus – und haben die Gabe, Menschen auszuhorchen. „Die Keiler gehen äußerst geschickt vor, sie sind rhetorisch brillant, erschleichen sich das Vertrauen der zumeist älteren Menschen“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Frank Weiss, der in Hameln das 3. Fachkommissariat leitet. Die Täter, die vom Ausland aus operieren, geben ihre Informationen an Bandenmitglieder in Deutschland weiter. Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zufolge handelt es sich häufig um Menschen mit Migrationshintergrund. „Es geht um Vertrauen unter Gleichgesinnten“, erklärt ein Ermittler. Da spiele die Herkunft keine Rolle.

Observationsspezialisten eines Mobilen Einsatzkommandos (MEK) hatten die Verdächtigen geschnappt, als sie in einem gutbürgerlichen Viertel von Hameln einen Jutebeutel abholen wollten. Sie vermuteten darin Goldbarren im Wert von 80 000 Euro. Um ein Haar hätte ein Ehepaar (87, 88) sein Erspartes verloren. Dem Sohn ist es zu verdanken, dass es nicht dazu gekommen ist, sagte Oberkommissarin Stephanie Heineking-Kutschera. Durch Zufall sei der 58-Jährige anwesend gewesen, als zum wiederholten Mal ein falscher Polizist bei seinen Eltern anrief. Der Mann aus der Türkei hatte sich als Kriminalbeamter ausgegeben und dem Senior eine Lügengeschichte aufgetischt. Der Sohn bewahrte seine Eltern vor einem schweren Fehler, indem der sofort die Polizei verständigte. Im konkreten Fall ging die Geschichte so: Der falsche Fahnder machte den Eheleuten weis, seine Kollegen hätten in der Nachbarschaft des Paares einen Einbrecher festnehmen wollen. Dieser sei jedoch geflüchtet. Der Kriminelle habe eine Liste mit Namen weiterer potenzieller Opfer bei sich getragen. Auch der Name des Ehepaares stehe auf dem Zettel. „Der Einbrecher wird demnächst bei ihnen einsteigen“, sagte der „Keiler“ – und riet den Hamelnern, ihr Geld rasch in Gold anzulegen und die Barren in einem Bankschließfach zu deponieren. Dort seien die Ersparnisse sicher. Der Senior (88) schöpfte keinen Verdacht. Er ging zur Sparkasse und kaufte für 80 000 Euro Gold. „Von nun an rief der falsche Polizeibeamte nahezu täglich an, um sich zu vergewissern, dass bei den Senioren alles in Ordnung ist“, sagt Heineking-Kutschera. Auf diese Art habe er sich das Vertrauen der Senioren erschlichen. „Später behauptete der Anrufer, dass es in der Bank einen korrupten Mitarbeiter gibt, der sämtliche Schließfächer leeren würde.“ Er solle sein Gold in Sicherheit bringen.

Im Zellentrakt der Polizei Hameln – Kommissarin Wiegleb kontrolliert, ob es den Eingesperrten gut geht. Foto: ube

Ermittler stellten den „Läufern“ eine Falle. Der 88-Jährige spielte mit – er holte einen zuvor von den Polizisten präparierten Jutesack bei der Sparkasse ab und deponierte ihn an einer Mülltonne vor seinem Haus. Dort warteten bereits Spezialkräfte auf die Täter. Als der 24-Jährige den Beutel an sich nahm, erfolgte der Zugriff. Sekunden später wurde auch der Fahrer (20) des Fluchtwagens, der in einer Parallelstraße gewartet hatte, geschnappt.

Der Erste Kriminalhauptkommissar Frank Weiss dankte der Sparkasse Hameln-Weserbergland für deren „logistische Unterstützung, die zur Aufklärung des Falles“ beigetragen habe.



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