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Im Mordprozess um das Horrorhaus von Höxter wird um jedes Wort gekämpft

Anwalt greift Gutachter massiv an

HÖXTER/PADERBORN. Wenn ein Gutachten zu einem Angeklagten schlecht ausfällt, müssen die Anwälte ran. Im Prozess um das Horrorhaus von Höxter geriet nun ein Psychiater mächtig unter Druck – noch bevor es überhaupt um sein Gutachten ging.

veröffentlicht am 14.11.2017 um 18:41 Uhr

Die Angeklagten Angelika W. (4. v. li.) und Wilfried W. (3. v. re.) stehen im Schwurgerichtssaal vom Landgericht Paderborn beim Einzug des Gerichts. Mit der Aussage der psychiatrischen Gutachter setzt das Gericht den Prozess fort. Foto: Friso Gentsch

Autor:

Carsten Linnhoff
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Ein Anwalt mit Wutausbrüchen, ein Gutachter in Erklärungsnot und ein Angeklagter, der dem Experten widerspricht: Am 34. Verhandlungstag im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter wurde am Dienstag heftiger als sonst um jedes Wort gekämpft.

Denn nach über einem Jahr Verhandlung am Landgericht Paderborn haben jetzt die Gutachter das Wort. Die Verteidigung kämpft heftig darum, die Bewertungen der Psychiater aufzuweichen, sofern sie negative Folgen für ihren Mandaten bei der Urteilsfindung haben könnten.

Laut einem dem Gericht bereits vorliegenden vorläufigen Gutachten von Michael Osterheider ist der 47-jährige Angeklagte Wilfried W. nicht nur voll schuldfähig. Der Professor der Uni Regensburg schätzt ihn auch für die Allgemeinheit als gefährlich ein, und er zeige sadistische Züge. Der Gutachter spricht sich für eine Sicherungsverwahrung aus. Nach seiner Ansicht hat Wilfried W. einen Hang zu gravierenden Straftaten. Wilfried W. soll gemeinsam mit der mitangeklagten Angelika W. über Jahre hinweg Frauen in ein Haus nach Höxter in Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge der Quälereien. Wilfried W. und Angelika W. sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Detlev Binder, der Wilfried W. als Pflichtverteidiger vertritt, ließ den Gutachter überraschend als Zeugen aussagen. Der Experte sollte zum Ende der Beweisaufnahme noch nicht sein Gutachten vorstellen, sondern schildern, wie sich der Angeklagte in Gesprächen von Mai bis Juni im Gefängnis und im Landgericht ihm gegenüber geäußert hatte. Dabei sollte Osterheider noch keine Schlüsse ziehen. Es ging allein um die Aussage in den 16 Stunden Gesprächen zwischen Gutachter und Angeklagtem. Der Verteidiger griff den Gutachter an wie in einer US-Anwaltsserie. Nach Darstellung von Osterheider hat der Angeklagte in den ausführlichen Gesprächen mit ihm eine Teilschuld eingeräumt.

Doch darauf ging der Gutachter überraschend nicht näher ein. Und auch zu Aussagen zu sexuellen Vorlieben des Angeklagten und Quälereien von anderen Frauen neben der mitangeklagten 48-jährigen Angelika W. verstrickte sich der Gutachter in Widersprüche. Roland Weber, Vertreter einer Nebenklägerin wollte dies nicht überbewerten. „Da wurde geschickt die Zeugen-Aussage mit dem noch vorläufigen Gutachten vermischt“, sagte Weber in einer Prozesspause. Aber Weber hatte auch gesehen: Osterheider war unter Druck geraten.

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer sprang Osterheider als Ankläger mehrmals zur Seite. Binder aber beantragte, den Gutachter abzulehnen. „Ihm fehlt es an der Kompetenz, er widerspricht sich ständig und ist als Fachmann einfach nicht glaubwürdig“, sagte der Anwalt. Kurz zuvor hatte er sich lautstark über die Vorgehensweise des Gutachters aufgeregt („nicht nur schlampig, sondern grob schlampig“).

Über seinen Antrag wird das Gericht an einem der nächsten Prozesstage entscheiden. Dann will sich auch Osterheider zu dem Vorwurf äußern.

Auch vom Angeklagten bekam der Psychiater eine Breitseite. Wilfried W. warf Osterheider vor, ihm Dinge in den Mund gelegt zu haben.

Keinen Widerspruch aber gab es bei der Schilderung des Gutachters, der Angeklagte habe ihm gegenüber ein Teilgeständnis abgelegt.

Osterheider hatte berichtet, der Angeklagte habe eingestanden, dass er die Gewaltexzesse in dem Haus hätte stoppen müssen. Auch habe der Angeklagte bei einem der zwei Todesfälle unterlasse Hilfeleistung eingestanden. Er hätte zur Polizei gehen müssen, habe der Angeklagte ihm gegenüber offenbart, schilderte Osterheider.

Bislang hatte der Angeklagte alle Vorwürfe stets zurückgewiesen und alle Schuld auf die mitangeklagte Angelika W. geschoben. Das Gericht hat jetzt weitere Verhandlungstage bis Ende Februar festgelegt. Das Gutachten zu Angelika W. liefert Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin einer Gerichtspsychiatrie in Nordrhein-Westfalen. Wann sie aussagt, ist noch offen.

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