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Mit Astschere erstochen / Auslöser der Tat bleibt zu Prozessbeginn unklar

Alkoholkranker gesteht Mord an Frau aus Holzminden

Hildesheim/Holzminden. Vor dem Landgericht Hildesheim hat am Mittwoch der Prozess gegen einen 31-Jährigen begonnen, der Ende Dezember 2015 eine 33-Jährige Holzmindenerin brutal getötet hat. Am ersten Verhandlungstag gestand er erneut, die junge Frau gewürgt und sie anschließend mit einer Astschere erstochen zu haben.

veröffentlicht am 11.05.2016 um 21:19 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:51 Uhr

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Der Mann auf der Anklagebank wirkt schüchtern, zurückhaltend, fast verklemmt. Seine Hände hält der 31-Jährige aneinandergepresst zwischen den Beinen, es scheint, als sei ihm die Aufmerksamkeit unangenehm. Als der Alkoholkranke gestern den ihm vorgeworfenen Mord an einer Frau gesteht, die er kurz vor dem Jahreswechsel gerade erst in einer Kneipe in Holzminden kennengelernt hatte, ist es totenstill im Hildesheimer Schwurgerichtssaal: „Ich habe mit Sicherheit drei, vier Minuten nicht nur die Luftröhre zugedrückt, sondern auch die beiden Halsschlagadern.“

Nicht nur für den Vater der ermordeten 33-Jährigen, der dem Angeklagten auf der anderen Seite des Saales äußerlich gefasst gegenübersitzt, sind dies schwere Momente. „Katrin hat zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geatmet“, erklärt der Angeklagte und kommt dann zu dem, was er als „die Aktion mit der Schere“ umschreibt. Laut Obduktion treffen das Opfer vier Stiche mit der Gärtnerschere in den Hals, der Kehlkopf wird durchschnitten. „Wollten Sie auf jeden Fall, dass die Frau tot ist“, fragt der Richter. Der Angeklagte antwortet: „Das stimmt, aber ich weiß nicht, warum.“

Die Frage nach dem Warum, dem Motiv, auch gerade angesichts des Gewaltexzesses, bleibt damit unbeantwortet. Nach einer zerrütteten Kindheit mit Alkohol, Drogen, Therapien und Rückschlägen hatte der 31-Jährige zum Tatzeitpunkt gerade begonnen, sich eine Existenz aufzubauen. Durch eine Therapieeinrichtung war er an eine Ausbildung im Zierpflanzenbau gekommen, auch eine Wohnung in einem Ort in der Nähe von Holzminden hatte ein Therapeut ihm beschafft. Rund um die Feiertage griff der Mann dann aber wieder zum Alkohol, auch in der Tatnacht wollte er in der Kneipe „tanken“. Dort sprach ihn, den Thekenhocker, der nach eigenen Worten am liebsten für sich ist, das spätere Opfer an. Die Frau traf nach einer Weihnachtsfeier mit ihrem Dart-Club in dem Lokal ein. Die beiden kamen ins Gespräch, er rückte einen Hocker auf, um neben ihr zu sitzen und sie bei der lauten Musik besser zu verstehen. Als die Kneipe schloss, wechseln die beiden, die da wohl schon mächtig getrunken hatten, das Lokal, sie hakte sich bei ihm unter.

Mehrfach fragt der Richter behutsam nach. Gab es Körperkontakt, war etwas Sexuelles im Spiel? Der Angeklagte verneint. An einem One-Night-Stand sei ihm nicht gelegen gewesen. Später auf der Straße aber fragte die Frau dann, ob man nicht zu ihm könne. Nein, das sei zu weit weg, antwortete er. „Ich hatte Muffensausen, sie mit zu mir zu nehmen“, sagt er vor Gericht. Seine Therapieregeln besagen, dass er in der Wohnung nicht trinken darf, zudem noch mit einer betrunkenen Frau zurückzukehren, war ihm wohl zu riskant. Dann muss es zu der Tat gekommen sein. Von „Filmfetzen“ und „Resterinnerungen“ spricht der Angeklagte – und davon, wie ihn täglich das Geräusch der letzten aus dem Brustkorb des Opfers ausdringenden Luft verfolge.

War möglicherweise eine Demütigung, eine von ihm so aufgefasste Äußerung, der Auslöser für die Tat? Von Kind an, so schildert der Angeklagte, musste er darunter leiden. In der Schule war er der Außenseiter wegen seiner Familiensituation, er wurde jahrelang gehänselt und geschlagen. Später war er kontaktscheu und hasste es selbst an seinem eigenen Geburtstag, im Mittelpunkt zu stehen. Lockerer wurde er nur, wenn er trank, dann aber müsse er sich kontrollieren, um sich nicht lächerlich zu machen, „zum Deppen zu machen“, wie er aussagt. Selbst in der Kneipe gab es für ihn zwei erniedrigende Situationen, auf die der Richter ihn anspricht. Beim Versuch, sich zu den übrigen Mitgliedern des feiernden Dart-Clubs zu setzen, wurde er abgewiesen. Ein junger Mann erklärte ihm, dass Katrin sich immer andere Männer suche, um sich auf deren Kosten zu besaufen. Aggressiv, das meint er, sei er nach dem Alkoholkonsum früher nie geworden.



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