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Im "Känguruh" jubeln die Schaumburger "Zizou"-Fans / Wirtin Babeth Brauner ist "im Herzen Französin geblieben"

Wie in Frankreich: Lokalrunde nach Sieg der "Blauen"

Bückeburg. Das WM-Spiel Frankreich gegen Spanien löste in Deutschland keine großen Emotionen aus. Da die deutsche Mannschaft erst wieder am morgigen Freitag spielt, ging es auch in Bückeburg eher ruhig zu. In ganz Bückeburg? Aus einer geöffneten Kneipentür konnte man Fangesänge auf Frankreichs "Blaue" hören. "Wir sind hier eine kleine französische Insel," meint Babeth Brauner, Chefin der Kultkneipe "Känguruh".

Gebannt schauen Thomas Brauner, seine Frau Babeth und Sohn Yannick zu dem Fernsehgerät hoch. Gerade hat der Schiedsrichter auf Elfmeter gegen die Franzosen entschieden. Die Nerven liegen deshalb bei allen blank. Automatisch greift der Kneipenwirt zur blauen Schachtel "Gauloise" seiner Frau. "Ich habe seit 13 Jahren nicht mehr geraucht. Warum freut man sich eigentlich auf die WM, danach ist man total am Ende." Seine Frau ergänzt: "Mir ist total schlecht." Als der Ball dann tatsächlich im französischen Netz landet, ist die Stimmung im "Känguruh" auf dem Nullpunkt. Dass die Kneipe an der Schulstraße fest in französischer Hand ist, liegt an Babeth Brauner. Vor 17 Jahren heiratete die Französin Thomas Brauner, zog nach Deutschland und stieg so in das Kneipengeschäft ein. "Ich bin im Herzen eine Französin geblieben und habe noch manchmal ein wenig Heimweh." Bei Weltmeisterschaften sind die Sympathien deshalb ganz klar verteilt. "Meine beiden Männer klatschen erst einmal für Frankreich und dann für Deutschland," erklärt sie lachend. "Als Deutschland gegen Polen gewonnen hat, bin ich mit einer Frankreich-Fahne am Auto in die Stadt gefahren," ergänzt ihr deutsche Ehemann, "da bin ich dann spaßeshalber erst mal als Verräter "beschimpft" worden." Und auch Sohn Yannick ist "spätestens seit der WM 98" ein fanatischer Frankreich-Fan. "Wirklich schwierig wird es nur, wenn Deutschland gegen Frankreich spielen muss, ich glaube das Spiel könnte ich mir nur alleine anschauen." Der Adolfinum-Schüler hatte beim letzten offiziellen Training der Equipe in Hameln besonders viel Glück. Weil seine Mutter Französin ist, durfte die Familie aus Bückeburg auf eine "VIP"-Tribüne, die extra für französische Fans reserviert worden war. Nach dem Training kamen dann alle Spieler und gaben geduldig Autogramme. Stolz reckt Yannick seine Brust. Auf dem Nationaltrikot, das ihm seine französischen Großeltern schenkten, haben Frankreichs Spieler alle unterschrieben. Seine Mutter meint: "Die waren alle so nett. Danach hat sich noch mal ein ganz neues Gefühl für diese Mannschaft entwickelt." Jetzt ist der Schüler mit seinem Trikot sogar auf der Webpage der französischen Mannschaft zu sehen (www.fff.de/diaporama/). Auf einem der Fotos präsentiert er das Trikot mit den Autogrammen stolz der Kamera. Auf anderen Fotos ist sogar die gesamte "Känguruh"-Familie zu erkennen. Aber all die schönen Momente des Fan-Daseins sind im Augenblick vergessen. Fan sein heißt auch leiden können. Thomas Brauner fällt auf, dass das "Frankreich-Feuerzeug" zu Hause vergessen wurde. Ein böses Omen? Als dann kurz vor der Halbzeit das 1:1 durch Frank Ribery fällt, ist die kleine Kolonie außer Randund Band. Vater, Mutter und Sohnemann stimmen sogar einen Fan-Gesang an: "Frankreich Ribery, Frankreich Ribery." Noch glauben allerdings nicht alle Gäste in der Kneipe an einen Erfolg der Franzosen. Auf einem zerknitterten Belegschein stehen die Tipps der Gäste zu lesen. Einige setzen tatsächlich auf einen Sieg der Iberer. Hans-Dieter Matthias aus Rinteln: "Also ich bin eigentlich eher für die Spanier, die Franzosen haben doch vergessen, die alten Spieler auszutauschen." Als dann das 2:1 fällt, verstummen die Kritiker. "Eigentlich schade, dass diese beiden phantastisch spielenden Mannschaften jetzt schon aufeinander getroffen sind," meint Chef Brauner großzügig. Trotz allem langsam wachsenden Optimismus sind die Brauners angespannt bis zur letzten Minute. "Weg da, weg da," ruft Babeth den spanischen Spielern zu, die das Tor von Barthez jetzt verzweifelt berennen. In der 93. Minute macht dann der große "Zizou" allem Zittern ein Ende. Ausgerechnet Zinedine Zidane, dem es die Brauners am meisten gewünscht haben, Zidane, der von allen Kritikern gescholten wurde - er macht jetzt sein Tor. Und Yannick, der sein Autogramm über dem Herzen trägt, jubelt, als hätte er selbst den Ball getreten. Dann liegen sich die drei in den Armen. Thomas Brauner kann es noch gar nicht richtig fassen: "Also gehofft hatte ich schon drauf, aber richtig geglaubt, na ja." Babeth Brauner gibt ihrer Thekenmannschaft Zeichen: "Eine Lokalrunde." Yannick zieht derweil einen zurechtgeschnitzten Stock aus einer Ecke hervor. Seine Mutter ist derweil damit beschäftigt eine der großen blau-weiß-roten Fahnen von der Wand zu holen. "Der Stock war schon bei der EM 2000 dabei, als Frankreich gewonnen hat," erklärt Babeth Brauner. Und ihr Mann jubelt: "Jetzt ist alles möglich." Dann läuft er mit seinem Sohn und der Trikolore auf die menschenleere Straße. Und auch wenn sich heute kein Autokorso bildet, keine Menschenmassen den Verkehr zum Erliegen bringen, die Freude von Vater und Sohn bringt einige Autofahrer tatsächlich zum Hupen.

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