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Schnelle Plakette / Selten ernsthafte Mängel

Wenn der TÜV zu den Bauern kommt ...

Luhden (ly). Platt küren kann Gunnar Dubiel nicht so gut. "Aber verstehen kann ich's." Der Prüfingenieur von der TÜV-Station Stadthagen versteht die Bauern nicht nur, er hat auch Verständnis für ihre Situation. "Zeit ist Geld in der Landwirtschaft", sagt Dubiel. "Wenn man einen Trecker hat, der 20 Stundenkilometer läuft, muss man für die Fahrt nach Stadthagen ja fast einen halben Tageinplanen." Deshalb kommt der TÜV einmal im Jahr nach Luhden. Genauer: der Trecker-TÜV.

Gunnar Dubiel sitzt im warmen Schankraum der Gaststätte "Zur Erholung" und erledigt Schreibarbeiten. Elf Uhr vormittags, 13 Hauptuntersuchungen hat der freundliche Mann vom TÜV Nord an diesem Freitag vorgenommen und in allen Fällen die begehrte Plakette aufs Nummernschild geklebt. Normal, denn Zugmaschinen mit ernsthaften Mängeln sind die große Ausnahme. Kurz nach Beginn um acht Uhr früh waren vier Ackerschlepper auf einmal vorgefahren, gleich danach zwei weitere. Ganz schön stressig. Jetzt ist der Ansturm verebbt. Tuckernd macht ein Nachzügler auf sich aufmerksam. Heinrich Werkmeister, früherer Ortslandwirt aus Kleinenbremen, biegt mit seinem 3,5 Tonnen schweren Fendt-Geräteträger (80 PS, Spitze 39) auf den Hof und tritt schließlich ein. Nach einer kurzen Begrüßung gehen die beiden Männer nach draußen. Dubiel rüttelt an den Rädern, kontrolliert Bremsen und Lenkung, Reifen und Beleuchtung. Nichts entgeht dem geschulten Auge. Vorwärtsgang, Rückwärtsgang, zum Abschluss muss Werkmeister noch einige Vollbremsungen machen. Alles im grünen Bereich, nach zehn Minuten zückt der Prüfer die blaue Plakette. "Ich komme seit 35 Jahren", erzählt Heinrich Werkmeister (54), der die kurzen Wege schätzt. "Wenn etwas nicht in Ordnungist, kann ich zur Reparatur schnell nach Hause und wiederkommen." Meistens, so Dubiel, seien Landwirte handwerklich sehr begabt. Der Trecker-TÜV, auf dessen Terminplan im Februar acht Schaumburger Orte standen, ist mehr als bloß eine technische Visite. Klönschnack wird hier groß geschrieben. "Man trifft Leute, die man länger nicht mehr gesehen hat", sagt Werkmeister. "Da gibt es immer Themen, die erst mal ausdiskutiert werden." Praktisch, dass der Termin stets im Winter liegt. "Dann haben wir mehr Zeit", erklärt der Kleinenbremer und lobt im selben Atemzug "die praxisnahe Dienstleistung des TÜV". Auch Gunnar Dubiel fährt gerne raus nach Luhden - allein schon wegen der familiären Atmosphäre. "Landleben pur'', sagt er. Schnack hin, Schnack her: Auch wenn man sich mag - während der Hauptuntersuchung gelten strenge Kriterien. "Bei Lenkung und Bremsen gibt es keine Kompromisse", betont Dubiel, da wird die Plakette auch schon mal versagt. Doch wie gesagt: eine Seltenheit. Zugmaschinen werden nicht ganz so scharf geprüft wie Autos, weil Schlepper auf der Straße kaummehr als Tempo 40 schaffen. Trecker, die schneller sind und zudem über 3,5 Tonnen wiegen, müssen in jährlichen Abständen zum TÜV, der Rest sowie Anhänger im Zwei-Jahres-Rhythmus. Eine Abgasuntersuchung ist nicht vorgeschrieben. 40 Sachen? In solche Regionen stößt ein Deutz-Ackerschlepper, den der Ingenieur an diesem Tag untersucht hat, nicht mal annähernd vor. Das Ende der Fahnenstange sind 19 Sachen - mit Rückenwind. Dafür ist das Schätzchen, dessen erster Arbeitstag im Jahr 1957 lag, top in Schuss. Das sind Momente seines Arbeitslebens, in denenGunnar Dubiel ins Schwärmen gerät. "Tadelloser Zustand", stellt er fest. "Da kriegt man ein bisschen Nostalgie."

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