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Lehrer-Eltern-Gruppe befasst sich mit Gewaltprävention / "Goldene Regeln" und Schulkonferenz machen Alltag leichter

Warum in "Klein Auetal" die Giraffen das Sagen haben

Auetal (crs). Wildes Gewusel auf dem Schulhof der Grundschule in Rehren. Auf dem Rasen kicken die Jungs in Ballack-Trikots, durchs Schuldorf "Klein Auetal" jagen fröhlich ein paar ältere Schüler, an den Klettergerüsten und auf dem Spielplatz der Kleineren tobt der Bär. Natürlich wird auch mal gestritten, natürlich fließen auch mal Tränen - insgesamt aber geben die über 400 Auetaler Grundschüler ein friedliches, harmonisches Bild ab. Das ist auch ein Verdienst der neuen Gewaltpräventionsgruppe an der Grundschule.

Mittendrin zwischen lärmenden und kreischenden Schülern steht die Lehrerin Sabine Tilgner-Korte, Ansprechpartnerin zum Thema Gewaltprävention. Ansprechpartnerin auch für die Kinder: Das zeigen in nur zwei Minuten auf dem Schulhof zwei Beispiele. "Das ist jetzt unser Teich", deutet ein Schüler stolz auf den Schulteich, für den seine Klasse seit einiger Zeit die Verantwortung übernommen hat. Ein Problem aber drückt ihm auf der Seele: "Die Erstklässler füllen immer das Wasser um, das ist gar nicht gut für die Kaulquappen." Das sei doch ein gutes Thema für die Schulkonferenz amMontag, ermuntert ihn Sabine Tilgner-Korte, dieses Problem vor allen Schülern anzusprechen. Mit diesem mutigen Vorhaben im Kopf zieht der Kaulquappen-Hüter beruhigt von dannen. Ein paar Sekunden später großes Geschrei auf dem Fußballplatz: Ein Schüler liegt auf dem Rasen, hält sich weinend das Bein. "Wer war das, wer hat das gemacht?", tönt es von allen Seiten. "Denkt an die Giraffensprache!", ermahnt Sabine Tilgner-Korte die Grundschüler, nicht nach dem Schuldigen, sondern nach der Ursache zu suchen: "Was ist hier passiert?" Aus Versehen ist der junge Fußballer geschubst worden, stellt sich schnell heraus. Und genauso rasch sind seine Tränen getrocknet. Die Schulkonferenz und die Giraffensprache - das sind zwei wesentliche Bestandteile des Gewaltpräventionskonzepts der Auetaler Grundschule (siehe "Zum Thema"). "Wir wollen die Eigenverantwortung der Schüler stärken", erläutert Tilgner-Korte den Ansatz der regelmäßigen Versammlungen, zu denen sich sämtliche Klassen mit ihren Lehrern in der großen Pausenhalle einfinden. Da werden dann zum Beispiel die "Goldenen Regeln" vorgestellt, die seit ein paar Wochen in der Eingangshalle hängen und an die sich alle Schüler halten wollen. Ganz schnell können Grundschüler Eigen- und Mitverantwortung entwickeln: So möchten die älteren Jungs gerne auf dem hinteren Platz Fußball spielen, der eigentlich den Kleinen vorbehalten sein soll - um ihr Vorhaben bei der Schulleitung durchzusetzen, haben die Viertklässler Unterschriften gesammelt. Und auch mit der Idee einiger älterer Schüler, eine Art "Schutztruppe" auf die Beine zu stellen, wird sich die Schulkonferenz befassen müssen. Denn leider gibt es auch im beschaulichen Auetal Gewalt an Schulen: Erst kürzlich ist ein Kind im Bus geschlagen worden. Weil Gewalt aber nicht erst mit Schubsen anfängt, hat die Grundschule die "Giraffensprache" eingeführt, eine gewaltfreie Kommunikation, die den Schülern beibringen soll, mit Konflikten umzugehen. Während die Giraffensprache auf langfristige Erfolge als Basis der Gewaltprävention angelegt ist, stellen die "Goldenen Regeln" nachprüfbare Mindestanforderungen an das Verhalten jedes Schülers: "Sei höflich zu jedem! Bewege Dich in der Schule leise und langsam! Sei freundlich mit Deinen Worten und Taten!" Um diese Ziele zu erreichen, ist die enge Zusammenarbeit mit den Familien unerlässlich. Sechs Elternvertreter sind Mitglied der Gewaltpräventionsgruppe, zu der außer Sabine Tilgner-Korte vom Kollegium noch Susanne Ewald und Kriemhild Sensing gehören. Offiziell gegründet hat sich die Gruppe zum zweiten Schulhalbjahr, unterstützt wird die Arbeit finanziell vom Eltern-Förderverein. Erste positive Rückmeldungen gibt es schon. "Wenn alle mitmachen, fällt es leichter", haben die Schüler zu den Prinzipien von "Fisch" und "Schildkröte" festgestellt: Wenn also der eigene Tischnachbar "leise" und "langsam" durchs Schulgebäude geht, dann macht jeder Schüler gerne mit. Meistens jedenfalls: "Wirmüssen die Schüler halt immer wieder daran erinnern", wissen die Lehrer. Einen großen Umbruch von heute auf morgen erwartet das Kollegium auch durch die Goldenen Regeln nicht. Ganz langsam soll die Gewaltprävention vielmehr ihre Erfolge zeigen. "In kleinen Schritten, Step by Step", sagt Sabine Tilgner-Korte - und erinnert an die Lebensmaxime des Straßenkehrers Beppo aus Michael Endes "Momo": "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, sondern immer nur an den nächsten Schritt..."

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