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Bethel-Hygieneschwester Ursula Reimann-Zell setzt der Mitteilungsflut Erkenntnisse entgegen

Vogelgrippe: Kaum noch Schutz - vor Infos

Bückeburg (bus). Das H5N1-Virus, das auf der Insel Rügen mehrere Dutzend Vögel dahingerafft hat, beherrscht gegenwärtig die öffentliche Diskussion wie kaum ein anderes Thema. Bisweilen kommt die Debatte arg ins Flattern: Im Internetauktionshaus Ebay werden bereits "Vogelgrippe-Pandemie-Notfallsets" - Atemschutzmaske, unbelüftete Vollsichtbrille, Nitril-Schutzhandschuhe, wasserfester Overall mit Kapuze - angeboten. "Man kann sich kaum noch schützen", behauptet Ursula Reimann-Zell.

Allerdings meinte die Hygieneschwester des Krankenhauses Bethel, dass man sich kaum noch vor Informationen schützen könne. Und diese Mitteilungsflut sei manchmal nicht unbedingt von Vorteil, könne ein undefinierbares Angstgefühl im Bauch erzeugen. Reimann-Zell begegnete dem Überfluss mit Erkenntnissen. "Formuliert für nicht medizinisch Vorgebildete", wie die Expertin unterstrich. Der vom Freundeskreis Stiftung Krankenhaus Bethel organisierte Vortrag hatte "Viren im Allgemeinen und die Vogelgrippe im Besonderen" zum Thema. Das Interesse an der Veranstaltung im Bethelschen Mitarbeiterspeisesaal war so groß, dass die ursprünglich eingeplante Bestuhlung bei weitem nicht ausreichte. Das Allgemeine konzentrierte sich auf die Erscheinungsform der Winzlinge - "wunderbar unterschiedliche Formenvielfalt", deren Seelenleben - "eigentlich tote Materie, Eiweißfetzen ohne Stoffwechsel" - und deren "Trick, der uns krank macht" - in der Virenhülle stecke ein genetischer Bauplan, der, den passenden Schlüssel vorausgesetzt, eine Wirtszelle gegen deren Willen zum Nachbau zwingen kann. "Das Virus arbeitet fein und akribisch", erläuterte Reimann-Zell. Und überaus behände: Die Nachbildungsgeschwindigkeit kann bis zu 50 000 Reproduktionen pro Stunde erreichen. Höchste Zeit, dass die körpereigene Abwehr auf den Plan tritt. Unterschiedlich große Fress- und Antikörper bildende Zellen rücken den Eindringlingen auf die Pelle. "Für eine Bekämpfung von außen", hob die Referentin hervor, "stehen uns nur minimale Möglichkeiten zur Verfügung." In der Abteilung "Besonderes" erfuhr das Publikum, dass "H" und "N" in H5N1 für die Proteine Hämagglutinin und Neuraminidase stehen, denen entscheidende Bedeutung hinsichtlich der Gefährlichkeit zukommt. Das Hämagglutinin hilft dem Virus, in eine Zelle einzudringen. Von diesem Eiweiß hängt es ab, in welchen Wirten es sich vermehren kann. Das andere Protein, die Neuraminidase, fördert die Freisetzung der nächsten Virusgeneration. Von Vorteil wäre die Entwicklung eines Neuraminidase-Hemmers, der die Freisetzung verhindern würde. "Das Virus würde schließlich in der Wirtszelle zerfallen", erklärte Reimann-Zell. Die Zelle allerdings auch. "Im Krieg gibt es halt immer ein paar Tote", gab sich die Fachfrau fatalistisch. Die Hygieneschwester riet den Besuchern dringend, sich durch eine Schutzimpfung gegen die "menschliche" Grippe zu wappnen. Das H5N1-Virus tritt seit vielen Jahren in Südostasien auf und hat außer Millionen Vögeln weltweit auch 92 Menschen getötet. "Ein schneller Killer vom hochpathogenen Typ", wissen die Spezialisten des Friedrich-Loeffler-Instituts, Deutschlands oberster Tierseuchenbehörde. Dort weiß man aber auch: "Das heißt, dass es die Vögel besonders rasch tötet. Es heißt nicht, dass es besonders ansteckend ist." Die Institutsmitarbeiter nehmen Schädel von Schwänen, Möwen, Kormoranen und Schwalben unter die Lupe, deren Gehirne kaum größer sind als eine Haselnuss und doch mitunter Milliarden Viren verstecken. Die EU-Kommission in Brüssel bestätigte Vogelgrippefälle in insgesamt sieben Ländern der Europäischen Union. An der aufgeheizten Diskussion sind die Medien nicht völlig unschuldig. Journalisten schreiben von "Bildern wie aus einem futuristischen Horror-Film". Am Tag des Vortrags meldete die Deutsche Presseagentur, dass wegen der Vogelgrippe "eine Debatte über eine eventuelle Absage der Fußball-Weltmeisterschaft entbrannt" sei. Das walte der Kaiser.

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