weather-image
Steuerberater beziehen beim Festakt Stellung / Entertainer-Qualitäten

Steuerberater einig: "Hände weg von der Pendler-Pauschale!"

Bückeburg (tw). "Das Erhöhen der Mehrwertsteuer ist der falsche Weg": Deutliche Worte von Professor Dr. Hans-Michael Korth im Festsaal von Schloss Bückeburg. Vor 280 Steuerexperten und Delegierten, darunter 65 Ehrengästen, forderte der Präsident des Steuerberaterverbandes Niedersachsen/Sachsen-Anhalt beim Festakt: "Vor dem Hintergrund der jüngsten Steuerschätzung, die der öffentlichen Hand 6,3 Milliarden Euro Mehreinnahmen beschert, darf nicht an einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozent festgehalten werden."

Diese in der Steuergeschichte Deutschlands umfangreichste Anhebung werde die Republik nach Berechnungen von Konjunkturforschern "ein halbes Prozent Wachstum kosten". Die Gäste - für den verhinderten Finanzminister Hartmut Möllring war Staatssekretärin Cora Hermenau erschienen - quittierten' s mit Beifall. Applaus der 280 Experten aber auch für die zweite Kernaussage Korths: "Ein Kürzen der Pendlerpauschale belastet die Arbeitnehmer unzulässig." Eine Streichung der Erstattung auch nur für die ersten 20 Kilometer, so der Präsident, verstoße gegen das Nettoprinzip; dem zufolge dürfe nämlich nur der Teil des Einkommens besteuert werden, derübrig bleibe, wenn alle zwangsläufigen Aufwendungen abgezogen wurden. Korth mit Nachdruck: "Vieles spricht dafür, dass die Neuregelung der Überprüfung durch das Verfassungsgericht nicht standhalten wird." Daher sollten Betroffene ihre Steuerbescheide "offen" halten, also Einspruch einlegen. Der Verbandspräsident an die Adresse der Regierung: "Sie fordern von den Arbeitnehmern, immer mobiler zu werden -dann müssen die Kosten für diese Mobilität im Gegenzug auch abzugsfähig bleiben." Nicht minder Ernstes hatte Professor Dr. Bernd Raffelhüschen beim Festvortrag zu sagen: Klang der Titel "Zur Nachhaltigkeit der Alterssicherung" zunächst spröde, bewies der Inhaber des Lehrstuhls für Finanzwirtschaft an der Uni Freiburg bei Analyse und Ausblick wahre Entertainer-Qualitäten, die denen eines Thomas Gottschalk in nichts nachstanden.Raffelhüschen ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen, als es darum ging, die Folgen der demografischen Entwicklung - "jede Generation in Deutschland lebt vier Jahre länger, bezieht also vier Jahre länger Rente" - für die Rentenversicherung zu beschreiben. Der Professor: "Für die vielen 100-Jährigen, die in Zukunft auf uns warten, können Sie - mit Blick auf die anstehenden Gratulationen zu den runden Geburtstagen - schon mal neue Planstellen für Bürgermeister schaffen." Raffelhüschen an die Versammlung: "Sie waren und Sie sind erfolgreich: Nur beim Kinderkriegen waren Sie nicht so gut. Und nur die Hälfte der Graumelierten, die hier vor mir sitzen, wird noch Oma und Opa werden." Kernaussage des Wissenschaftlers: Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bedeutet verringerte Renten. Das gleiche gelte für das Einführen des so genannten Nachhaltigkeitsfaktors. Im Ergebnis laufe alles bis zum Jahre 2035 auf eine Senkung des Rentenniveaus auf 40 Prozent heraus. Damit werde das Rentensystem insgesamt zwar stabiler, allerdings auf stark verringertem Niveau. Die Berechnung des Ganzen sei indes so kompliziert, dass selbst diejenigen, die's beschlössen - geschweige denn diejenigen, die's betrifft - nicht mehr durchblickten. Da helfe nur eines: "Immer", so Raffelhüschen, "wenn Sie jetzt und in Zukunft etwas nicht verstehen, sollten Sie vermuten, dass eine Rentenkürzung gemeint ist. Dann liegen Sie meist richtig ..." Die Schaumburger Märchensänger umrahmten den Festakt mit Volksweisen. Auch für ihre Darbietungen gab's auf Schloss Bückeburg einen Riesenapplaus.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare