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Spannende Einblicke beim "Tag der Archive"

Staubtrocken? Regale voller Geschichte und Geschichten

Bückeburg (ly). Staubtrocken geht es im Archiv zu, sterbenslangweilig ist der Beruf des Archivars. Möchte man meinen. Stimmt aber gar nicht. Dr. Stefan Brüdermann, stellvertretender Leiter des Bückeburger Staatsarchivs, kennt das alte Vorurteil und kann darüber schmunzeln. Der Historiker mit archivarischer Zusatzausbildung findet seinen Beruf so fesselnd, dass er sich manchmal noch nach Feierabend in Dokumente vertieft und Landesgeschichte erforscht. Während der Arbeit ist dazu keine Zeit. "Wir können uns nicht festlesen - auch wenn's spannend wird."

Und dann der Publikumsverkehr. Bis zu 20 Menschen, die das Staatsarchiv im Schloss für eigene Recherchen nutzen, wollen täglich beraten werden: Hobbyforscher, Privatleute, Wissenschaftler. Nicht zu vergessen: die Außentermine. Man kommt raus. Dr. Brüdermann und seine Kollegen gehen in Behörden und wählen aus, was sie für wertvoll halten. Das wird dann erschlossen. Langweilig? Nichts von alledem. Zum "Tag der Archive" an der Ahnser Straße, wo die Werkstätten des eigentlichen Staatsarchivs sind, hätten daher am Sonnabend mehr Besucher kommen dürfen. Doch es hat nicht sollen sein, was wohl am herrlichen Wetter sowie anderen Veranstaltungen im Freien lag. In Bückeburg liegt die zentrale Werkstatt der sieben niedersächsischen Archiv-Standorte. Publikumsverkehr herrscht dort sonst nicht. Anders beim "Tag der offenen Tür", mit dem sich das Staatsarchiv an der bundesweiten Veranstaltung beteiligte. Nicht zuletzt Technik-Fans kamen zu ihrem Recht. Anschaulich wurde zum Beispiel das Restaurieren alter Bücher demonstriert, die Sicherungsverfilmung einmaliger geschichtlicher Dokumente oder deren Reparatur. Für einen Blickfang sorgten gleich im Eingangsbereich drei Schautafeln mit Presseberichten aus den Jahren 1954, 1974 und 1990, als die Kicker der Bundesrepublik beziehungsweise des wiedervereinten Deutschlands triumphiert hatten. "Deutschland-Elf neuer Fußball-Weltmeister", titelte am 5. Juli 1954, einen Tag nach dem "Wunder von Bern", die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung. Unterzeile: "Die ganze Welt steht fassungslos vor diesem großen Erfolg." Lang ist's her. Schau'n mer mal, welche Schlagzeilen am 10. Juli 2006 ins Archiv wandern. Archivare forschen, Archivare archivieren. In erster Linie aber sieht Dr. Stefan Brüdermann sich als Dienstleister. Bürger können etwas erfahren über Stadthistorie oder Landesgeschichte, über das eigene Haus oder die Geschichte ihrer Familie. Dokumente zur Familienforschung sind allerdings beschränkt auf Personen, die vor 1875 gelebt haben. Geschichte und Geschichten. Eine davon hat Dr. Brüdermann bei aller Tragik besonders gefesselt. Kurz vor Kriegsende war ein Gastwirt aus Rehren von deutschen Soldaten auf dem Rückzug erschossen worden. Das "Verbrechen" des Mannes hatte in einem Satz bestanden: "Hitler ist an allem schuld." Der Kneippier hätte widerrufen können und wäre wohl davongekommen. Er hat es nicht getan. Um das Jahr 1960 nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Ergebnis: Der Hauptschuldige war gefallen, bei den anderen die Tat verjährt. Anderthalb Meter ist die entsprechende Akte im Staatsarchiv dick. Aber alles andere als staubtrocken.

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