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Karikaturenstreit: Kirchenvertreter und islamische Gemeinde setzen auf vertrauensvollen Dialog

"Sollen wir uns nun auf der Straße streiten?"

Rinteln (cok). Kaum begonnen, hätte das Gespräch zwischen Vertretern der islamischen Gemeinde und der christlichen Kirchen in Rinteln schon in scheinbarer Harmonie beendet sein können. Es ging um den "Karikaturenstreit", und alle waren sich zunächst einig darin, dass sowohl die Verletzung religiöser Gefühle durch die dänischen Mohammed-Karikaturen als auch die gewalttätigen Reaktionen von moslemischen Gruppierungen zu verurteilen seien.

Seuket Kismet, der neue 1. Vorsitzende der islamischen Gemeinde, hatte zusammen mit dem Gemeindevorstand zum interreligiösen Gespräch eingeladen, und gekommen waren Superintendent Peter Neumann, Pastor Ulrich Wöhler von der evangelisch-lutherischen Nikolaikirche, Pfarrer Michael Nettusch von der katholischen Kirche Sankt Sturmius, Berufsschulpfarrer Gerd Brinkmann und Gemeindevorsteher Petersen von der Neuapostolischen Gemeinde. In der unaufgeregten, freundlichen Gesprächsrunde herrschte eindeutig das Anliegen der Verständigung. Aber natürlich zeigte sich dann doch, dass der grundlegende Konflikt zwischen Pressefreiheit einerseits und Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle andererseits auch in dieser Gesprächsrunde vor Ort nicht umstandslos gelöst werden konnte. "Satire ist prinzipiell frei!" merkte Berufsschulpastor Gerd Brinkmann an. "Wenn religiöse Gefühle verletzt werden, ist das keine Pressefreiheit", konterte Seuket Kismet. Und Murat Demirel gab zu bedenken, dass auch Christen protestieren würden, wenn türkische Satiriker Jesus als Verbrecher hinstellten. Und während Pastor Wöhler noch einmal ganz bestätigt wissen wollte, dass die islamische Gemeinde sich von den Gewaltakten ihrer aufgebrachten Glaubensbrüder distanziert, brachte Mohammad Fares aus dem Vorstand sehr klar zum Ausdruck, dass viele Moslems wirklich zutiefst verletzt seien durch die Respektlosigkeit der Zeichnungen. "Es ist, als wenn ein Mensch, den man über alles liebt, öffentlich beleidigt wurde. Wir alle werden damit getroffen!" Er selbst und auch einige andere der moslemischen Männer aus der Gemeinde haben sich die Karikaturen nicht angesehen, mit Absicht nicht: "Ich will solche abstoßenden Bilder nicht betrachten!" so Fares. "Es reicht, dass sie mit Worten beschrieben werden." Er erklärte, dass die karikierende Abbildung des Propheten auch deshalb so beleidigend wirkte, weil man im Westen ja genau wisse, dass es das islamische Abbildungsverbot gebe. "Es wurde provoziert, damit dementsprechend geantwortet wird!" Diese vom Religiösen ins Politische weisende These vertraten schließlich auch Murat Demirel, Adit Erceylan und andere Vorstandsmitglieder der islamischen Gemeinde: "Wir würden uns gar nicht groß aufregen, wenn es das Versehen eines einzelnen gewesen wäre", so Murat Demirel. "Aber es war eine absichtliche Provokation, und das ist schlimm, weil man eben wusste, dass dumme Menschen durch so was zur Gewalt zu verführen sind." Er antwortete damit zustimmend auf Gerd Brinkmanns Einwurf, dass es Gruppen gäbe, die ein Interesse daran hätten, einen Kampf der Kulturen zu schüren. "Der kalte Krieg ist vorbei, also sollen neue Pole geschaffen werden", meinte auch Mohammed Fares. "Sollen wir alle darauf reinfallen und uns nun deshalb auf der Straße streiten?" Nein - Streit war das Letzte, das in diesem Gespräch angestrebt wurde. "Gegenseitige Kritik darf sein", so Peter Neumann. "Aber sie sollte auf der Basis einer immer größer werdenden Vertrautheit erfolgen und nicht, um Feindbilder zu schaffen." Der Hoca der islamischen Gemeinde, der Vorbeter und Lehrer Bilal Aydin, er hielt zum Schluss eine richtige kleine Predigt, in der er hervorhob, dass die Weltreligionen aus einer gemeinsamen Quelle stammen und vom selben Gott kommen. "Der Islam sagt, dass, wer einen Menschen tötet, die gesamte Menschheit tötet - unsere Religion ist genau so wenig wie das Christentum eine Religion des Terrorismus", erklärte er. "Wir sind Brüder und wir haben gar keine andere Wahl, als zusammen zu reden, wenn wir weiter zusammen leben wollen."

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