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Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses besucht Ausstellung "Rechte Jugendkulturen"

"Sind die Anständigen unter uns wachsam genug?"

Obernkirchen (rnk). Der Termin war dem Vorsitzenden des Innenausschusses des Deutschen Bundestages so wichtig, dass er eigens aus der Hauptstadt anreiste: Sebastian Edathy, Bundestagsabgeordneter der SPD, wollte mit seiner Anwesenheit im Schulzenrum auch ein kleines Zeichen setzen: Es sei richtig, mit dem Thema Rechtsextremismus offensiv umzugehen, daher finde er eine Ausstellung, dieüber den gesamten rechten Hintergrund aufklärt, natürlich gut.

Hans-Joachim Mevert, Fachbereichsleiter der geschichtlich-sozialen Weltkunde, hatte zuvor betont, die Ausstellung "Rechte Jugendkulturen" sei keineswegs eine Reaktion auf besondere Vorkommnisse in dieser Richtung an der Schule - jedenfalls könnten die Lehrer keine offenen neonazistischen Umtriebe oder Aktivitäten an ihrer Schule beobachten: "Aber man muss ja nicht erst warten, bis etwas geschieht." Mevert zitierte Paul Spiegel den jüngst verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, der es so formuliert hatte: "Sind die Anständigen unter uns wachsam genug?" Er forderte, den Rechtextremismus nicht zu verniedlichen, zu negieren oder zu verharmlosen. Sah Edathy auch so. Lange habe man gedacht, dass der Rechtsextremismus eine demokratiefeindliche Bewegung von den Ewiggestrigen getragen werde, "heute stellen wir fest, dass der Rechtsextremismus ein erschreckend junges Publikum hat - die Neugestrigen." Das "schleichende Gift des Rechtextremismus" (Edathy) sei "organisierte Menschenfeindlichkeit": Die Würde der Anderen werde in den Dreck gezogen, um sich des eigenen Wertes zu vergewissern. Und: "Demokratie ist nicht vererbbar, sie muss von jeder Generation gelernt werden." Initiiert wurde die Ausstellung vom Jugendring Obernkirchen in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring Schaumburg und dem niedersächsichen Projekt "für demokratie courage zeigen". Parallel zur Ausstellung finden von heute bis Donnerstag verschiedene Workshops zu diesem Themenfeld statt. Von den angesprochenen Klassen der Jahrgänge 8 bis 10 nehmen nahezu alle teil - das seien immerhin zehn Klassen, betonte Mevert. Für den heutigen Abend hat der Jugendring zu einem Referat eingeladen: Christin Dornbusch von der Arbeitsstelle Neonazismus Düsseldorf , wird über "Rechtsrock als Einstieg in die rechte Szene" sprechen. Die Ausstellung "Rechte Jugendkulturen will dabei den Blick für die Auseinandersetzung mit den jugendkulturellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus schärfen. Dargestellt und erläutert werden Stilmittel und Alltagskultur rechter Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland: Mode, Musik, Symbole, Codes und szenetypische Medien. Moderne Organisationsformen wie "Kameradschaften" und jugendkulturellen Strategien organisierten Rechtsextremisten sind ein weitere Schwerpunkt der Ausstellung. Der Untertitel "¸Zwischen Lifestyle, Clique und Partei" weist dabei auf das Spannungsfeld hin, in dem sich die jugendkulturellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus bewegen. Längst haben Neonazis und rechtsextreme Parteien die "Jugendkulturen" als "Rekrutierungsfeld" für sich entdeckt und nutzbar gemacht: mit der Organisation von Konzerten, dem Vertrieb rechter Musik und entsprechender Mode, mit der Herausgabe von Skinzines und mit "Nationaler Jugendarbeit" machen sie Angebote, die jugendspezifische Bedürfnisse befriedigen sollen. Schleichend folgt die entsprechende Unterfütterung mit rechtsextremer Ideologie. Der "Kampf um die Köpfe", die Erlangung einer "kulturellen Hegemonie" und die Schaffung "national befreiter Zonen" sind dabei erklärte strategische Ziele. Wie das "antifaschistische pressearchiv und bildungszentrum berlin" (apabiz) in seinem März.-Rundbrief meldete, fanden 2005 mindestens 255 neonazistische Konzerte in Deutschland statt - eine Steigerung zum Vorjahr um genau 100 Konzerte oder 65 Prozent. Rekordhöhen haben dabei auch die CDs erreicht, die 2005 in der rechten Szene produziert wurden: 124. Und: Früher waren Konzerte der rechten Bands seltene Ereignisse, die alle paar Wochen stattfanden, heute gibt es mehrere in der Woche. Christian Dornbusch nennt dies das "Phänomen der Veralltäglichung"

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