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Die Austauschschülerin Mary Rose Tryon berichtet über ihren Aufenthalt in Bückeburg und der Bundesrepublik

Rehbraten? - Deutsche essen zu Weihnachten "Bambis"!

Warber (bus). Das ist ein starkes Stück: Die Deutschen essen zu Weihnachten Bambis. Anders herum: In der Warberaner "Patchworkfamilie" Faudt/Doht gab's zum Fest leckeren Rehbraten. Das mit dem "Bambi" ist Mary Rose Tryon sozusagen zwischen Hauptgang und Nachspeise rausgerutscht - ein köstliches Beispiel der spontanen Wort-Akrobatik, mit der die US-Amerikanerin ihre Gastgeber Tag für Tag überrascht. Die 16-Jährige ist seit August 2005 in Warber zu Gast. Ende Januar geht's zurück nach Indianapolis. Allerdings: Heimweh hat Mary Rose nicht. "Ich würde gern noch länger hier bleiben", macht die Austauschschülerin ihrer Gastfamilie ein dickes Kompliment.

Mary Rose lebt an der Straße "An der Schule" gemeinsam mit Annette Faudt und Sebastian Doht sowie deren Kindern Carolin, Johanna und Moritz. Carolin ist 2004 mit der gleichen Organisation in den USA gewesen, die jetzt den Aufenthalt der jungen Amerikanerin betreut. Der Wechsel von der Broad Riplle High School - Vorzeigeabsolvent ist der US-Top-Talkmaster David Lettermann - ans Bückeburger Adolfinum, von der 1,4-Millionen-Metropole in die rund 20 000 Einwohner schmale ehemalige Residenzstadt hat einen völlig unspektakulären Hintergrund. "Deutsch ist einfach mein Lieblingsfach", erläutert der Teenager. Und die Sprache beherrscht sie - trotz "Bambi" - erstaunlich gut. Was zu einem großen Teil von Neugier, Interesse und Aufgeschlossenheit befördert wird. Darüber hinaus steht ihr eine Schwester zur Seite, die derzeit in Bremen studiert. Und: Miss Tryon hat offensichtlich Freude daran, ein Volldampfprogramm zu absolvieren. Zahlreiche Städte hat sie bereits besucht, an etlichen Aktivitäten und Vergnüglichkeiten teilgenommen. Witzig: Die Eveser Dorfjugend erschreckte sie zu Halloween mit einem in München gekauften Dirndl; bierisch: der Heiligabend-Morgens-Besuch im "Minchen"; festlich: der Weihnachtsgottesdienst mit Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe in der Schlosskirche; natürlich: der Kauf des ersten "richtigen" - sprich: plastikfreien - Weihnachtsbaums am Forsthaus Meinser Kämpen; entspannend: der Schulbesuch. Hinsichtlich des Schulalltagsvergleichs vermag Mary Rose kaum Parallelen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zu ziehen. "Bei uns gibt es kaum Pausen, dafür aber für alles Mögliche penible Vorschriften." Die Schulpolizei achte sogar auf ordentliche Kleidung. Zigaretten und Alkohol seien sowieso und absolut verboten. Desgleichen Nudismus. Den Umgang mit den drei letztgenannten Substantiven nennt die 16-Jährige als größte Unterschiede zwischen ihrer Heimat und der Bundesrepublik. Als ungewöhnlich habe sie zudem empfunden, dass während des Weihnachtsfestes alle Läden geschlossen hätten. Auch enttäuschend: "Dass es in Deutschland Zugverspätungen gibt." Dabei sei ihr während eines zweiwöchigen Praktikums im Meinser Kindergarten sehr einleuchtend die Bedeutung des Wortes "pingelingig" vor Augen geführt worden. "Halb Acht ist nicht 7.29 Uhr und nicht 7.31 Uhr sondern 7.30 Uhr", zitiert sie fehlerfrei. Dass Mary Rose es selbst mit der "Pingelingigkeit" nicht allzu ernst nimmt, mag dem toleranten Teil der Bückeburger Bevölkerung ein Trost sein. Indes, gesteht die Schülerin ein, habe sie "deswegen ein bisschen zugenommen". Eigentlich ernähre sie sich vegetarisch. "Aber was soll man machen, wenn man gleich am ersten Tag von den gastfreundlichen Klassenkameraden zum Döner eingeladen wird?" Und wenn man nicht weiß, was das ist - "Bambi" war's mit Sicherheit nicht. Trotz alledem: Das "bisschen Zugenommene" steht Miss Tryon durchaus gut zu Gesicht.

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