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"Bildungsforum": Moderne Methoden im Anglistikstudium

Rätselsuche per Computer: Wer schrieb Shakespeares Dramen?

Bückeburg (aj). Was auf den ersten Blick wie die 50-Euro-Frage in einer zweifelhaften Bildungsshow eines privaten Fernsehsenders anmutet, ist in Wirklichkeit ein ernstzunehmendes Forschungsgebiet der Anglistik. Insgesamt 57 Kandidaten für die Urheberschaft von Shakespeares Dramen hat der Akademische Direktor des Englischen Seminars der Universität Hannover, Hartmut Ilsemann, ausgemacht. Einen Teil seiner Forschungsergebnisse stellte er am Dienstag den Schaumburger Abiturienten im Rahmen des "3. Bildungsforums Adolfinum" vor, umsie für ein Sprachstudium an der Universität Hannover zu begeistern.

Um Licht in das Gewirr aus 57 Biografien der möglichen Autoren für 4500 Shakespearestücke zu bringen, bemühen auch Sprachforscher mittlerweile den Computer. "Vielen Anglisten erscheint es weiterhin zu unglaubwürdig, dass ein Wilddieb und Pferdeknecht, wie Shakespeare, so versiert über höfische Sitten, politisches Ränkespiel und geografische Besonderheiten schreiben konnte", meint Hartmut Ilsemann. "Obwohl die neuere Forschung schon viel von diesem Urteil über William Shakespeare revidiert hat." Einer der heißesten Anwärter auf die wahre Autorenschaft ist, neben William Shakespeare selbst, Sir Henry Neville. Seine Biografie passt nach der Auffassung von Brenda James und William Rubinstein viel besser zur Reihenfolge der Veröffentlichungen von Shakespeares Aufführungen, als das Leben von Shakespeareselbst. Bei der Computeranalyse der Anzahl der Wörter pro Satz glaubt Hartmut Ilsemann jedoch eine wichtige Übereinstimmung mit Shakespeares Leben festzustellen: "Als Shakespeare 1599 Miteigentümer eines Theaters wurde, verkürzten sich die Satzlängen. Zudem revolutionierte echte Handlung das Bühnengeschehen." Aber eben genau diese Analyse der Satzlängen wurde dem Forscher Hartmut Ilsemann im Nachhinein zum Verhängnis für seine Theorie. Eine aktuellere Umdatierung von einzelnen Stücken legt die Grenze der Satzlängenverkürzung auf das Todesjahr von Shakespeares Sohn Hamnet. Die stilistische Verbesserung und das Erscheinen seiner besten Komödien nach 1597 deutet somit eher auf die Urheberschaft Sir Henry Nevilles, der in England als angehender französischer Botschafter der englischen Krone im Zenit seiner Macht stand. Hartmut Ilsemann: "Sir Oldcastle aus den Lustigen Weibern von Windsor könne man dann auch als eine gelungene Anspielung auf den Autor Neville (Neue Villa) sehen." Die etwas irritiert bis enttäuscht dreinschauenden Gesichter einiger Abiturienten nutzte der Akademische Direktor Hartmut Ilsemann zu einem Vergleich zwischen der überwiegenden Vermittlung von Wissen an der Schule und der widerstreitenden Gewinnung von Erkenntnissen an der Universität. "Dass am Ende alle Fragen offen bleiben, kann auch ein Ergebnis von Forschungsarbeit sein und muss nicht enttäuschen", sagt Hartmut Ilsemann.

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