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Hand aufs Herz: NationalerÜberschwang schon vor dem Anpfiff, hupender Jubelcorso und Freudentänze danach

"Oh, wie ist das schööön" - und ein Lob für starke Polen

Bückeburg. Es ist die 90. Minute. Im Garten des Park-Cafes springen die vor der Großbild-Leinwand sitzenden Gäste auf, liegen einander in den Armen, schwenken Schwarz-Rot-Gold, verschütten Bier: "Tooor!" Der Jubelruf hallt auch vom Markt und von anderen "Public Viewing"-Partys herüber. In Bückeburg regiert König Fußball.

Schon vor dem Spiel stand die Stadt im Zeichen des runden Leders. An etlichen Stellen, beispielsweise im "Minchen", dem Kino-Center, auf dem Marktplatz oder vor der "Destille", konnten die Fans das Spiel auf größeren Leinwänden verfolgen. Außerdem wurden in vielen Kneipen und Restaurants Fernseher aufgestellt. Schnell wurde klar, dass die WM-Begeisterung auch Bückeburg erreicht hatte. Schon um 20 Uhr stieg der Lärmpegel auf dem Marktplatz. Dann hörte man Rufe: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin." In Landesfarben geschminkte Fans zogen trötend, rasselnd und singend Richtung Kino-Center. Im Kino glauben nach dem Siegüber Costa Rica alle an einen Sieg über Polen. Dennis Borup, Dennis Vogt, Swen Capraro und Vater Tobias Capraro einigen sich, nach ihrem Tipp gefragt, schnell auf ein 3:1. "Wir sind einfach besser." Während sich rund um den Marktbrunnen noch Fans sammeln und einander Farbe auf die Wangen schmieren, klingt im Kino-Center schon die Nationalhymne aus hunderten Kehlen. Viele Besucher haben Fahnen mitgebracht, die sie jetzt schwenken. Auf dem Dortmunder Rasen stehen die deutschen Spieler Arm in Arm, in Bückeburg legen die Fans die rechte Hand auf ihr Herz. Gefühltes Fußballglück, fast wie in der Fankurve - dank Kino-Illusion und großartiger Stimmung wird das Spiel zum Live-Erlebnis. "Oleeee, ole, ole, oleeee"-Fangesänge aus dem Stadion werden vom zumeist jüngeren Publikum sofort aufgenommen. Kinochef Fritz Rubba, der die Fans gratis herein gelassen hat, ist begeistert: "So eine Stimmung habe ich noch nie erlebt." Der 16-jährige Patrick Seidel aus Bückeburg ist trotz Halbzeitnullnull guter Dinge: "Ich bin sicher, dass wir das Ding noch schaukeln." Der Odonkor-Fan freut sich besonders, als dieser in der 64. Minute von Klinsmann eingewechselt wird und auch gleich für weiteren Druck im deutschen Spiel sorgt. Trotzdem haben viele Zuschauer lange Zeit das Gefühl, das Spiel werde wohl Unentschieden ausgehen. Der kleine Samir Krasniqi (5) will schon gar nicht mehr hinsehen. Gerade hat "Miro" Klose eine hundertprozentige Chance versäbelt. "Wo schießt der denn hin?" Bruder Senad hat den Fünfjährigen, der zum ersten Mal in einem Kino sitzt, mitgenommen. Warum? Samir hat neben Brasilien vor allem ein Lieblingsteam: "Deutschland," beteuert der in Schaumburg geborene Sohn albanischstämmiger Eltern - und lässt sich dann nicht mehr von der Leinwand ablenken. Dann die 90. Minute. Wechselbad der Gefühle. Ballack ...? Latte! Klose ...? Latte! Und dann Neuville ...? "Tooooooooooooor!" Auf der Obertorstraße bildet sich schnell ein Autocorso. Mit wehenden Fahnen fahren vor allem Jugendliche rauf und runter. An einigen Stellen sammelt sich das singende und feiernde Volk. Jedes neue Fahrzeug wird begrüßt: "Oh wie ist das schön ...". Etliche Polizisten lenkenüberschießendes Nationalgefühl - mal behutsam, mal mit Nachdruck - zurück auf sicheres Terrain. So bleibt alles friedlich. Sören Fründt (16) und Marcel Wanjura (15) sind "absolut happy" über den Sieg. Kein leichter Sieg. "Die Polen waren wirklich gut!", lobt Wanjura. Die Anwohner der Obertorstraße haben viel Verständnis für die Spontanfete. Mehmet Sag, der im "Akropolis" arbeitet: "Das ist doch ganz normal, das ist bei uns auch so." Und auch Vui Nguyen aus Vietnam, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt ("China Wok", Obertorstraße) meint: "Ich finde, es ist eine tolle Stimmung; und ich drücke Deutschland und Südkorea beide Daumen für die nächsten Spiele."

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