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Theaterwerkstatt der Uni Bielefeld gastiert mit Nestroy auf Schloss Baum

"Nachtwandler": Gesellschaftskritik in märchenhafter Handlung versteckt

Bückeburg. Es "theatersommert" wieder. Für seine 11. Spielzeit seit 1996 hat sich das Theaterstudio der Universität Bielefeld des Stücks "Die beiden Nachtwandler" von Johann Nepumuk Nestroy angenommen. 1836 wurde die musikalische Posse des österreichischen Dramatikers und Satirikers uraufgeführt. Heute steht sie in ihrem Bekanntheitsgrad deutlich hinter den großen Nestroys wie dem "Talisman" oder dem "Lumpazivagabundus" zurück. Die Inszenierung der Bielefelder Studenten erlebte jetzt am Jagdschloss Baum unter freiem Himmel ihre Premiere.

Obwohl Nestroy sein Stück selbst als Zauberposse definierte, verbirgt sich hinter der vordergründigen Poesie scharfe Gesellschaftssatire. Im Jahre 1836 geschrieben, markiert es formal und inhaltlich den Übergang vom Biedermeier zum Vormärz. Es enthält noch alle Elemente des traditionellen Zauber- und Märchentheaters, löst diese aber zugleich auf und kontrastiert sie mit unüberhörbarer Sozialkritik. Der Seilermacher Sebastian Faden verjagt eines Nachts nichts ahnend, als er wieder einmal schlafwandelndüber die Dächer spaziert, Einbrecher aus dem Zimmer des wohlhabenden Lord Howard. Der möchte sich erkenntlich zeigen und verkündet, seinem Retter alle Wünsche zu seinem Glück erfüllen zu wollen. Jedoch nur die Notwendigen, so die Absprache Howards mit seinem durchtriebenem Schwiegervater Lord Watchlist. Wünscht sich Faden auch nur einmal etwasÜberflüssiges, sind auch alle vorherigen Zuwendungen verloren. Angefeuert durch seine Braut Emilia steigern sich Fadens Wünsche ins Maßlose. Als er schließlich sogar Watchlist Zopf fordert, überspannt er den Bogen, und sein Reichtum löst sich in Nichts auf. Die Erfüllung von Fadens Wünschen illustriert den Standesunterschied: Das Volk hat nur ein Recht auf das Lebensnotwendige, der Luxus bleibt dem Adel vorbehalten. Zugleich könnte die deutlich an das Grimmsche Märchen vom Fischer und seiner Frau angelehnte Handlung als Schablone für eine ganze Legion von Fantasy-Filmen und Teenager-Komödien herhalten, in denen der Protagonist vorübergehend mit einem übernatürlichen Geschenk, Begabung oder Fähigkeit ausgestattet wird, sein wahres Glück jedoch erst nach Verlust dieser Gabe in seiner ursprünglichen Situation findet. In der Bielefelder Inszenierung erhielt die Zauberposse mit dem ungespitzten Griffel des Laienspiels, welches sowohl das Publikum als auch die malerische Kulisse des Jagdschlosses Baum fantasiereich miteinbezog, etwas von jener ursprünglichen, burlesken Grobkörnigkeit des klassischen Straßentheaters zurück, in deren Tradition Nestroy die meisten seiner Stücke schrieb. Mehrmals wurde die Handlung durch Gesangsstücke, so genannte Couplets, unterbrochen. Diese Lieder nutzte Nestroy vor allem, um die in der Zeit des Vormärzallgegenwärtige Zensur zu umgehen, indem er nur die ersten Strophen schriftlich niederlegte. Weitere Aufführungen finden am 30. Juni in Vlotho (Burgruine) und am 7. Juli in Hessisch Oldendorf (Münchhausenhof) statt.

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