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Malkurs für Häftlinge als Pilotprojekt / Kulturstiftung fördert / Tugend des Durchhaltens trainiert

Kunst im Knast: "Wir können auch was Schönes!"

Bückeburg (tw). "Sicherlich sind wir keine Picassos geworden - aber was wir geleistet haben, ist erstaunlich: Ich glaube, wir werten den Knast nach außen hin auf": Worte eines Gefangenen der Jugendanstalt Hameln, Abteilung Bückeburg, wo derzeit 68 Erwachsene im geschlossenen Vollzug einsitzen. Worte eines "Künstlers". Soll heißen: Der Mann ist Teilnehmer des Projekts "Kunst hinter Bückeburger Gefängnismauern". Einer von sechs. Mit einer Abschluss-Präsentation im "Atelier" an der Ahnser Straße ist das im März gestartete Pilotprojekt am Wochenende ausgeklungen.

Initiatorin Iris Engelbart hat die Worte eines Teilnehmers vom ersten Tag noch genau im Ohr: ",Ich kann kaum glauben, dass jemand von draußen so was für uns tut', sagte der Insasse sichtlich gerührt, als er die Farben auspackte", erinnert sich die Vize-Abteilungsleiterin. Möglich wurde das Projekt Dank der "Kulturstiftung Schaumburg" mit Sigmund Graf Adelmann; die Stiftung machte dafür 2000 Euro locker. Begründung fürs Engagement: "Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit", zitiert Graf Adelmann Otto Schily. Was im Umkehrschluss bedeutet: Kulturangebote - auch und gerade im Knast - sind Präventionsarbeit. Die zahlt sich aus, wenn die Häftlinge eines Tages entlassen werden. "20 unser 68 Gefangenen wollten mitmachen; leider gab es nur Plätze für besagte sechs", bedauert Abteilungsleiter Günter Fichte. Der Ablauf des Projekts, das auch in Niedersachsens Strafanstalten eher die Ausnahme ist: Der Berliner Diplom-Designer und Dozent Pedda Borowski hat den Insassen bei zehn jeweils fünf bis sechs Stunden dauernden Terminen Mal- und Zeichenunterricht erteilt. "Es begann mit Infos über Farbmischungen. Später haben wir dann Porträts geübt - unter anderem nach dem Vorbild ägyptischer Mumien", sagt Borowski. Für ihn, aber noch mehr für die Teilnehmer war der Weg das Ziel. Entstanden sind viele Werke. Eines, das die Gefangenen selbst als Höhepunkt ihrer Arbeit empfinden: das großformatige Gemeinschaftswerk "Ich und das Dorf" nach einer Vorlage von Marc Chagall. "Wir haben selbst geregelt, wie wir die - noch leere - Malfläche unter uns aufteilen", sagt einer der Häftlinge. Und ergänzt: "Das ging ganz ohne die sonst üblichen Machtkämpfe ab." Eben das ist auch der (Haupt-)Gewinn für Wolfgang Kuhlmann: "Die Gefangenen, die bei dem Projekt mitgemacht haben, haben die Tugend des Durchhaltens gelernt und trainiert", lobt der Vizeleiter der Jugendanstalt Hameln. Denn der Beschäftigungsmangel ist im Gefängnis besonders eklatant. Langeweile bestimmt den Alltag. Und daraus erwächst selten Gutes. Zieren soll der "Bückeburger Chagall" demnächst den Besucherraum der Vollzugsabteilung. Die sechs Zeichenkünstler freut's, denn: "Seht her, wir können auch was Schönes ...", sagen sie. Angesichts der Resultate ist auch der anfängliche Spott der Mithäftlinge verstummt. Ob die Mal- und Zeichenkurse in naher oder ferner Zukunft fortgesetzt werden oder andere Angebote an ihre Stelle treten, ist noch offen. Es hängt von Sponsoren und damit vom Geld ab. Dabei gilt: Farben sind noch ausreichend da; die Insassen haben "sparsam" gemalt. Übrigens: Die Strafanstalt wird die Werke der Insassen am Donnerstag, 1. Juni, zwischen 14 und 19 Uhr derÖffentlichkeit im Mehrzweckraum an der Ahnser Straße präsentieren.

  • Dazu gehört Mut: Michael A. (l.) und Jürgen L., Insassen der Vollzugsabteilung Bückeburg, präsentieren sich dem Fotografen. Gemeinsam mit vier weiteren Gefangenen haben sie ein Bild von Marc Chagall ("Ich und das Dorf") nachgemalt. Fotos: tw
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