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Miteinander statt nebeneinander: Deutsche und türkische Mädchen im Dialog / "Das ist meine Art, zum Glauben zu stehen"

Kultur, Kopftuch und Koran: Alles ganz normal?

Obernkirchen. Kerzen sindüberall im Raum aufgestellt, in der einen Ecke befindet sich ein Infostand mit einem Gästebuch, Zettel informieren über den christlichen und den islamischen Glauben, in einer anderen Ecke wartet ein Buffett mit den Spezialitäten aus beiden Kulturen. Nach und nach füllt sich der Raum des Gemeindezentrums mit Mädchen zwischen 12 und 27 Jahren, es sind Deutsche und Türkinnen. Sie nehmen teil am "Dialog zwischen deutschen und türkischen Mädchen" unter dem Motto: "Nebeneinander oder Miteinander - wir stehen doch alle vor dem gleichen Gott", den die ehrenamtliche Gemeindemitarbeiterin Elke Schönbeck organisiert hat. "Da meine beste Freundin Türkin ist, kam ich vor zwei Jahren schon auf die Idee, innerhalb der Gemeinde eine solche Kulturbegegnung zu arrangieren", berichtet sie.

Da dieser Abend ein voller Erfolg gewesen sei und sie den Eindruck gehabt habe, nachher sei wesentlich mehr Verständnis für die andere Religion aufgebracht worden, bereitete sie gemeinsam mit ihrer evangelischen Mädchengruppe den Wiederholungsabend vor. Der Abend beginnt mit einem Kennlernspiel. Alle Teilnehmerinnen müssen sich drei Fragen überlegen, die sie stellen wollen. Die ersten Auskunftsbegehren sind eher allgemeiner Natur: "Was ist dein Lieblingsessen?", "Welche Hobbies hast du?" oder "Wie alt bist du?". Doch auch Fragen, die die andere Kultur betreffen und auch eigentliches Thema des Abends sein sollten, werden aufgegriffen. So traut man sich, zwar nur vereinzelt, aber immerhin, fremde Teilnehmer zu fragen, ob sie denn einen Freund hätten, ob sie an Gott glauben oder beten würden. Nach den anfänglichen Kontaktschwierigkeiten werden alle spätestens nach dem gemeinsamen Essen vertrauter, sie sitzen zusammen und fangen an, über Traditionen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Vor- und Nachteile beider Religionen und Kulturen zu diskutieren. Es werden vor allem Missverständnisse und Unwissenheit ausgeräumt. So wird einigen deutschen Teilnehmerinnen, die bisher wenig Kontakt zu türkischen Jugendlichen hatten, klar, dass auch diese Mädchen "ganz normal" sind, sie gerne telefonieren, einkaufen gehen, oder Freunde und Freundinnen treffen.. Der Unterschied beider Religionen wird jedoch bei der Frage nach Gläubigkeit schon deutlicher: So akzeptieren die islamischen Mädchen ihre untergeordnete Rolle und befolgen die "Rituale", die ihnen ihre Religion vorschreibt. Nicht nur die Keuschheit ist wesentlicher Bestandpunkt ihrer Tradition, sondern auch die mehrmals am Tag vom Koran vorgeschriebenen Gebete sowie der Respekt vor dem männlichen Geschlecht - diese Gebote werden nicht nur respektiert, sondern zugleich auch als richtig angesehen. Die 27-jährige Emine studiert in Deutschland Jura und hat trotz ihrer Emanzipation einen starken Bezug zu ihrer Kultur: "Ich finde unsere Bettraditionen sehr wichtig, sie sind wesentlicher Bestandteil unseres Glaubens und zeigen den Respekt vor Gott", erzählt sie. "Vor jedem Gebet waschen wir uns und ziehen unsere Schuhe aus. Somit wollen wir nicht nur symbolisch rein sein, sondern auch seelisch." Auch die 15-jährige Cigdem hält diese "Regeln" für sehr wichtig. Sie ist eine der wenigen Türkinnen, die sich auch äußerlich zu ihrem Glauben bekennt: Denn sie trägt freiwillig ein Kopftuch, egal wo sie hingeht, egal mit wem sie sich trifft. "Das ist einfach meine Art, zu meinem Glauben zu stehen", sagt sie stolz. "Ich bin auch sehr überrascht, wie wenig Probleme die Menschen um mich herum damit haben. Es wird einfach respektiert, nur ganz selten werde ich komisch angeguckt." Emine bewundert diese Einstellung: "Denn das würde ich mich nicht trauen. Ich habe sehr viel Respekt vor Mädchen, die heutzutage noch Kopftücher tragen - und dazu noch in einem fremden Land." Sarah, die ursprünglich aus den USA kommt und derzeit als Austauschschülerin in Obernkirchen wohnt, ist interessiert, wie das Leben heutzutage in der Türkei ist und ob die Traditionen dort nicht noch strenger eingehalten werden. Darauf weiß die 18-jährige Adile Antwort: "Viele scheinen zu glauben, dass dort alles noch strikter wäre. Doch in der Türkei greift das moderne Leben schon immer mehr um sich", so die Handelsschülerin. "Die Mädchen dort laufen sehr freizügig herum und zeigen sich sogar mit ihren Freunden in der Öffentlichkeit, was für die meisten hier undenkbar wäre. Auch in den Schulen gelten keine wirklichen Regeln mehr - dort geschehen die schlimmsten Dinge", ergänzt sie und erzählt von Geschichten, wie Mädchen sogar auf den Schultoiletten vergewaltigt werden. "Die Gespräche hören sich sehr vielversprechend an", findet Elke Schönbeck und hofft, mit der von ihr initiierten Kultur-Begegnung etwas erreicht zu haben. "Gerade bei den aktuellen weltweiten Spannungen halte ich es für wichtig, Verständnis für andere Kulturen aufzubringen. Gerade der Islam wird vielen fremd sein und ich hoffe, den Mädchen Vorurteile zu nehmen und sie offener gegenüber "Fremden" werden zu lassen."

  • Elke Schönbeck
  • Sevim und Sarah diskutierenüber die Vor- und Nachteile beider Religionen.
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