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Angestellter aus Bauamt unter Verdacht / Hauseigentümer zahlt für angeblich fehlerhaften Kanalanschluss

Korruptionsfahnder im Nenndorfer Rathaus

Bad Nenndorf (rwe). Korruption im Nenndorfer Rathaus? Das vermutet die Staatsanwaltschaft in Hannover. Gestern haben vier Ermittler aus dem Fachkommissariat für Korruption und Wirtschaftskriminalität mehr als fünf Stunden das Büro eines Angestellten aus dem Bauamt durchsucht. Er steht im Verdacht, bestechlich zu sein beziehungsweise private Hauseigentümer zur Bestechung genötigt zu haben. Dabei soll er mit einem Unternehmer für Kanalbau zusammengearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft ließ deshalb gestern vier Orte durchsuchen, außer im Rathaus waren sie unter anderem in der Wohnung des Bauamt-Mitarbeiters in Rodenberg und in der Firmenzentrale in Altwarmbüchen. Zwei Fälle sind bisher bekannt, viele weitere werden vermutet.

Kein Blaulicht, keine Streifenwagen, keine Uniformen. Die Korruptionsjäger kommen zur Razzia leise, unauffällig und in zivil. Um kurz vor 9 Uhr stellen die Beamten aus Hildesheim ihren grauen Passat auf dem Parkplatz vor dem Rathaus ab, rauchen noch eine Zigarette. Dann nehmen sie sich ihre Taschen, Koffer und ein Laptop, gehen ins Rathaus. Wenig später folgen zwei Kollegen aus Hannover, ebenfalls im unscheinbaren Passat. Die Ermittler legen Samtgemeindebürgermeister Wilfried Battermann einen Durchsuchungsbeschluss vor. Ihr Ziel ist ein Zimmer im Bauamt im zweiten Stock. Dort werden Angelegenheiten behandelt zu "Straßenunterhaltung", "Kanalisation" und "Grundstücksentwässerung". Vor allem um Letzteres geht es der Staatsanwaltschaft Hannover, die an diesem Tag 15 Polizeibeamte an vier Orte schickt, um einem "dreisten" Fall der Korruption auf die Schliche zu kommen. So formuliert es Sprecher Jürgen Lendeckel. Im Zentrum steht ein Angestellter aus dem Nenndorfer Bauamt, der sich derzeit im Urlaub befindet. Die Durchsuchung sei aber schon länger geplant und unabhängig davon erfolgt, heißt es. Dem Mitarbeiter wird Bestechung und Bestechlichkeit vorgeworfen. Ein Privateigentümer hatte sich der Nenndorfer Polizei offenbart. Der Angestellte sei auf ihn zugekommen und habe ihm mitgeteilt, er habe sein Haus nicht fachgerecht an den Kanal angeschlossen. Der Mann aus dem Amt bot ihm an, die Sache gemeinsam mit einer ihm bekannten Baufirma zu erledigen. Der Eigentümer erhielt später eine Rechnung und zahlte. Von einer Summe im "mittleren vierstelligen Bereich" berichtet die Staatsanwaltschaft. Ob es einen fehlerhaften Anschluss gab, steht nicht fest. Vermutlich wurde der Bauherr herein gelegt. Gestern habe sich laut Lendeckel ein weiterer Fall "herauskristallisiert". Dabei soll es darum gehen, dass ein Bauherr nachträglich einen Anschluss an das Kanalnetz brauchte, weil er sein Haus in eine Baulücke gesetzt hat. Dieses Mal sollen der Verwaltungsmitarbeiter und der Unternehmer eine "günstigere Behandlung" erwirkt haben. Details gibt die Staatsanwaltschaft nicht preis. Von einem "hohen vierstelligen Betrag" ist die Rede. Die Ermittler vermuten aber, nur "die Spitze des Eisberges" zu kennen, gehen von vielen weiteren ähnlichen Delikten aus. Möglicherweise werden sie an diesem Tag fündig. Mehr als fünf Stunden nimmt sich das Quartett für das kleine Büro. Im Rathaus geht derweil alles seiner Dinge. Von der Razzia nichts zu merken. Nur vor einem Raum stehen drei herausgezogene Schreibtischschubladen, ein Umzugskarton lehnt im Flur schon aufgeklappt an der Wand. Hinter der Glastür bewegen sich die Fahnder wie Schatten, huschen von Schrank zu Schrank. Zur gleichen Zeit sind Kollegen in Altwarmbüchen aktiv, untersuchen dort die Zentrale der Kanalbaufirma, beschlagnahmen 150 Aktenordner. "Wir sind fündig geworden", sagt Lendeckel gegen Mittag. Eine Aussage zu dem Material kann er noch nicht machen. Er geht aber davon aus, dass die Unterlagen den Verdacht weiter erhärten könnten. Um 14.25 Uhr packen die Ermittler im Rathaus ihre Sachen. Zwei Kartons verstauen sie in dem Passat, dann fahren sie weiter zur privaten Adresse nach Rodenberg. Dort sind bereits drei Kollegen seit drei Stunden dabei, die kleine Dachgeschosswohnung zu durchsuchen. Noch liegt aber einige Arbeit vor den mittlerweile sieben Beamten. Die Vermieter, die im Erdgeschoss leben, wundern sich über den Auflauf und die vielen fremden Fahrzeuge. Seit 18 Jahren wohnt der Mann bei ihnen. "Ein ruhiger Mieter", sagen sie. Das Zimmer im Bauamt bleibt fürs erste verschlossen. Wilfried Battermann ist am Nachmittag die Anspannung anzumerken. Er will sich zu dem Verfahren nicht äußern, doch die Razzia kam für ihn nicht überraschend. Denn Gerüchte über Vorteilsnahme im Bauamt gab es schon vor seiner Zeit. "Mir liegt daran, dass die Bürger weiterhin Vertrauen zu ihrer Verwaltung haben können", teilt er schriftlich mit. Er werde alles daran setzen, den Sachverhalt schnell und schonungslos ohne Ansehen von Personen aufzuklären. Dazu will er das Gespräch mit der Kommunalaufsicht beim Landkreis suchen. Die Staatsanwaltschaft kann sich über das Verhalten im Rathaus nicht beklagen. Sprecher Lendeckel: "Wir sind dankbar für die Kooperation der Samtgemeinde."

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