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Für die Rolfshäger Chronik hat Angelika Schierhölter über 200 Stunden im Staatsarchiv geforscht

"Kinder schlagen, bis sie die Wände hochgehen"

Auetal (rnk). Das Niedersächsische Staatsarchiv kennt Angelika Schierhölter mittlerweile wie die sprichwörtliche Westentasche. Wie viele Stunden sie in den letzten beiden Jahrzehnten dort verbracht hat, das ist unmöglich zu schätzen, geschweige denn genau zu sagen. In den letzten Monaten sind 200 Stunden dazu gekommen- für die Recherchen zur geplanten Rollfähre Chronik.

Denn sie hat natürlich nicht nein gesagt, als sie gefragt wurde, ob sie an der großen Rolfshäger Chronik zum 700. Geburtstag im nächsten Jahr mitarbeiten möchte. Schließlich wuchs Frau Schierhölter im Ort auf, sie ist eine geborene Möller und stammt aus der Ostereiche. Und sie hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung bei der Spurensuche. Als sich die Neffen und Nichten ihrer Familie 1984 mal wieder treffen wollten, hat sie auf Pfarrämtern und im Bückeburger Staatsarchiv nach den Ursprüngen ihrer Familien geforscht und sich dabei schnell viel Fachwissen angeeignet. Weil sich so etwas schnell herumspricht, sah sich Frau Schierhölter bald mit Anfragen überhäuft: Ob sie nicht bei der Deckberger Kirchenchronik mitarbeiten möchte? Und bei der Chronik zur 800-Jahr-Feier der Katharinenkirche in Kathrinhagen? Natürlich hat sie ja gesagt und auch Heinrich Held dann nicht im Stich gelassen, als der Rolfshäger Mitarbeiter für die Rolfshagen-Chronik suchte. Gute 200 Stunden hat sie im Staatsarchiv nach allem gesucht, was Auskunft darüber geben könnte, wie sich Rolfshagen im Laufe der Jahrhundert entwickelt hat. Aufschluss geben Zahlen: Jahresdaten, Urkunden, Erbschaftsverfahren, Geburten, Sterbefälle, Eheschließungen. Es ist eine mühsame Suche, jedesmal, erklärt Frau Schierhölter: "Mal findet man in einem 600 Seiten starken Ordner auf der dritten Seite etwas, mal auf der vorletzten." Man braucht Geduld. Und Erfahrung, denn vielfach ist die Schrift schwer, wenn überhaupt, zu entziffern. Denn die eher leicht lesbare Sütterlin-Schrift hat einen Vorläufer. "Schlangenlinien" nennt Frau Schierhölter diese Art der Schrift, die das größte Problem bei der Spurensuche darstellt. Aber von den Geschichten, die sich hinter Zahlen und Urkunden verbergen, hat sie doch einige dem Vergessen entreißen können. Sie hält sich im Gespräch mit Auskünften zurück, schließlich soll die Chronik ja auch gekauft werden und nicht alles vorher in der Zeitung stehen, aber ein, zwei Appetithappen gibt es doch. Etwa, dass die Geschichte vom Kattenbruch-Besitzer Emil von Badeleben, der mit seiner Frau nach Amerika auswanderte, wohl doch nicht so ganz stimmte. Angelika Schierhölter hat nämlich Urkunden entdeckt: Das Ehepaar ist in Rinteln gestorben. Das deckt sich übrigens auch bestens mit der Erinnerung von Heinrich Held, der federführend für die Chronik zuständig ist. Sein Großvater hatte ihm nämlich noch von Geschäften mit von Badeleben erzählt, die sieben Jahren nach der angeblichen Auswanderung stattgefunden haben. Erzählt wird auch von dem Auswanderer, der wie viele Rolfshäger von 1850 bis 1890 ein neues Leben in der neuen Welt suchte und bei der Überfahrt einfach über Bord ging. Vielfach waren die Auswanderer Leineweber - Opfer der Industrialisierung: Mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls verloren sie ihre Arbeit und damit ihre Existenzgrundlage. Die Auswanderung war die Konsequenz, der in der Chronik ebenso ein Kapitel gewidmet werden wird wie den Bauernhöfen, dem 30-jährigen Krieg, der riesige Verwüstungen hinterließ, dem Mittelalter und auch der Entwicklung des Dorfes im Zeitalter der Industrialisierung, die so ganz anders verlief als in den restlichen Auetaler Dörfern. Aufgeräumt werden wird mit einigen Legenden, etwa rund um die "Süße Mutter" oder mit faktischen Fehlern, die früheren Chronisten unterliefen. Platz wird auch die Zeit im Dritten Reich finden, Held hat bei den Gesprächen mit Zeitzeugen viel Ermutigung erfahren, diese Jahre nicht mit einem geschönten Mäntelchen zu verklären. Denn auch in Rolfshagen gab es zumindest die Folgen des Nationalsozialismus zu spüren. In der Schule etwa, wo Disziplin ganz oben auf dem Lehrplan stand und mindestens ein Lehrer der Ansicht war, man müsse die Schüler bei Widerstand schlagen, bis sie die Wände hochgehen, beschreibt Held die damalige Situation. Es ist viel Arbeit, sagt Held, aber bis zum Sommer dieses Jahres will er mit dem Text fertig sein, dann folgt die Arbeit am Layout. Dort wird dann auch die eine oder andere Urkunde abgebildet sein, die Angelika Schierhölter im Staatsarchiv gefunden hat. Ihre Mitarbeit, so lobt Held mehrmals, sei einfach unbezahlbar gewesen.

  • Wann der "Kattenbruch" gegründet wurde, ist nicht bekannt, wahrscheinlich um das Jahr 1000. Die Familie von Badeleben hat hier Jahrhunderte gelebt. Ob sie zum Schaumburger Uradel gehörte, wird in der Chronik beantwortet. Fotos: rnk
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