weather-image
Prof. Dr. Ernst Cloer eröffnet Bildungsforum / Keine objektiven Wahrheiten, sondern Deutungsangebote

"Jugend hat's heute schwerer als in den 50ern"

Bückeburg (bus). Ein Vortragüber den "rasanten Wandel der Jugend in den letzten 50 Jahren" hat am Dienstag das "3. Bildungsforum Adolfinum" eröffnet. Prof. Dr. Ernst Cloer stellte, pädagogische, anthropologische und philosophische Zusammenhänge würdigend, die Aufwachsbedingungen zweier Generationengestalten vergleichend gegenüber - die der Kriegs- und Nachkriegskinder (zu denen er gehört) einerseits und die der seit den 1970er Jahren Geborenen auf der anderen Seite. Kurzfazit des Professors vorweg: "Das heutige Jugendlichsein ist - verflixt noch mal - schwieriger als in den 50er Jahren."

Dass diese Aussage so ziemlich das einzig Greifbare in den Schilderungen des Experten blieb, mögen Teile des Publikums mit Enttäuschung aufgenommen haben, war aber dem Ansatz und den Erkenntnissen des Professors geschuldet. "Man muss sich bewusst halten, dass wissenschaftliche Beschreibungen immer zugleich Deutungen sind." In seinen Thesen werde also nicht so etwas wie die objektive Wahrheit über die heutige Jugend verkündet, sondern er mache Deutungsangebote, erläuterte der frühere Direktor der Universität Hildesheim. "Die Ergebnisse der Jugendforschung liefern keine objektiven und schon gar keine ewigen Wahrheiten." Sie blieben korrektur- und ergänzungsbedürftig. Zwei Beispiele des gegenwärtigen Kenntnisstandes: Die den Kindern früh gewährte (Konsum-) Selbstständigkeit ermöglicht den Heranwachsenden in ganz anderer Weise als der Kriegs- und Nachkriegsgeneration einen individuellen Lebensstil und damit die Erfahrung von Individualität (Unverwechselbarkeit). Gleichzeitig wird die Erfahrung von Austauschbarkeit/Ersetzbarkeit massenhaft - sowohl privat als auch beruflich. Erfahrungen von Kontinuität bezüglich der Berufslaufbahn, des Lebenszyklus, der politischen Einstellung und des Wohnortes sind oft erschwert. Der Fortfall traditionaler Sicherheiten und Deutungsmuster erschwert die Sinnstiftung. Beispiel zwei: Die gegenwärtige Jugendgeneration profitiert vordergründig von dem Autoritäts-, Macht- und Kontrollverlust, den die ältere Generation im Zuge der neuen Medien erlitten hat. Der generationenübergreifende mediale Zugang zu allen Weltthemen und Geheimnissen hat die Generationendifferenz eingeebnet. Der Zeitgeist tut sein übriges: Er ist häufig auf Intimisierung und Harmonieorientierung des Generationenverhältnisses angelegt (Verhandlungskultur, Kindzentriertheit des familialen Erziehungsverhältnisses, antipädagogische Verkürzung des pädagogischen Verhältnisses auf den emotional warmen Umgang des Gewährenlassens). Aber die Bildsamkeit des Heranwachsenden und die Bildungsbewegung des Kindes und Jugendlichen sind auf die entwicklungsfördernde Kraft der Generationendifferenz, der Widerstandsspannung angewiesen. Bildsamkeit, verdeutlichte der Referent, sei indes "kein Gewächs, das bei mildem Klima von selbst gedeiht, sondern eine Disposition, die sich in Auseinandersetzung mit Erwartungen artikuliert". Einen Heranwachsenden akzeptieren heiße also auch, zitierte der Cloer den Erziehungswissenschaftler Klaus Mollenhauer, "die Würde des Kindes dadurch achten, dass man ihm Aufgaben zumutet".

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare