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Bariton Christian Dahm zieht das Publikum mit Schuberts großem Spätwerk in seinen Bann

Ideale Einheit lässt Wagnis "Winterreise" glücken

Obernkirchen. Gespannt durfte man sein, wie der junge Karlsruher Bariton Christian Dahm das Wagnis Winterreise bestehen würde. Denn dieser Schubertsche Liederzyklus, zu dem das Kulturfenster in den Stiftssaal eingeladen hatte, steckt voller Tücken. Gleich vorweg: Die Zuhörer erlebten eine spannende und ergreifende Umsetzung, in der Christian Dahm und sein Begleiter, der exquisite Pianist Wolfgang Wieland, eine ideale Einheit bildeten.

Schwer zu sagen, ob es die geistige und musikalische Ausdruckskraft war, die den Abend zu einem Ereignis werden ließ, oder die ungeheure physische Leistung, die 24 Lieder in 75 Minuten als geschlossenes Ganzes ohne Pause zu offerieren. Beides machte wohl das Besondere dieser geradezu kurzweiligen Darbietung von Schuberts intimem "Tagebuch der Seele" aus. Fernab von Routine und Manierismus näherte sich der Bariton dem "Kreis schauerlicher Lieder" - wie der Komponist seinen letzten Zyklus Freunden gegenüber charakterisierte - ebenso behutsam wie emotional. Sein stimmliches Differenzierungsvermögen, von kerniger, fundierter Tiefe bis hin zum schönen Piano, sprach in allen Lagen an. Dank des Opernsängers geschliffener Textartikulation und eindringlichen Darstellungsvermögens brauchte man den im Programm abgedruckten Text nicht mitzulesen, um jedes Wort zu verstehen und zu begreifen. Ausgehend vom Wanderschritt und leichten Erzählstil des eröffnenden "Gute Nacht", wusste der Künstler im weit gespannten Helldunkel der Stücke die tragischen Schatten, die tiefe Erregung der Vertonung von Wilhelm Müllers Gedichten vielfältig zu kolorieren. Jedes Lied erhielt dadurch sein ganz eigenes Profil. Auf den 24 Stationen seines passionsgleichen Weges ist der Wanderer zunächst starken Stimmungsgegensätzen von überschwänglicher Freude bis hin zu hoffnungsloser Verzweiflung ausgesetzt, bevor sich allmählich eine vielfältig schattierte, düstere Stimmung durchsetzt - die lange Reise in die Winternacht endet ohne große Hoffnung. Dem Vokalisten und dessen klug gestaltendem, technisch versierten und genau mitdenkendem Partner gelang es vorzüglich, alles plastisch zu durchleuchten, was der 31-jährige Schubert in seinem Todesjahr an Zeichnung und Farbe, an Empfindung und Klangmalerei in das Werk hineingeschrieben hat. Sorgfalt legte das Duo überdies hinsichtlich der Tempowahl und -abstufung an den Tag. Das gebannt lauschende und innerlich mitgehende Publikum dankte mit langem Applaus.

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