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Wegen versuchten Mordes angeklagt: André Fussy (30) aus Borstel blickt auf einige schwere Monate zurück

"Ich bin unschuldig - und das kann jeder wissen"

Borstel. Unsicher wirkt er, immer wieder knetet er mit seinen Händen die abgenommene Baseballmütze durch. Den Kontakt mit der Presse ist André Fussy nicht gewohnt, weder persönlich noch als Gegenstand der Berichterstattung. Letzte Woche stand er aber gleich zweimal in der Zeitung: Einmal als Angeklagter, der sich wegen versuchten Mordes zu verantworten hatte, einmal als Freigesprochener, den die Richterjury mit einem erstklassigen Freispruch bedachte: Wegen erwiesener Unschuld.

Eine Frau mit Benzinübergießen und dann zum Feuerzeug greifen, so etwas könne er doch gar nicht. "Ich bin nicht so", meint der 30-Jährige. Doch nur seine Schwester hat ihm geglaubt, ist zu Besuch gekommen und ihm ein bisschen zur Seite gestanden. Nein, so ist er nicht, man glaubt es sofort. Kein forscher Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ, sondern ruhig, bedächtig wirkt er. Lange hat er überlegt, ob er sich an die Presse wendet oder alles besser auf sich beruhen lässt. "Aber dann habe ich mir gedacht, es sollen ruhig alle wissen, dass du unschuldig warst." So ist es: erwiesene Unschuld - mehr kann ein Angeklagter vor einem deutschen Gericht gar nicht erwarten, ein Freispruch mit Pauken und Trompeten. Trotzdem, er entschädigt nicht für die Monate vorher. Denn seine Kumpel, die hätten schon rum erzählt, dass er, Fussy, sich demnächst vor Gericht zu verantworten habe, ein große Sache, Mordversuch. Dass sich ein früherer Freund nur für eine Aussage rächen wollte, die diesem einst zwei Jahre Gefängnis einbrachte, das kann er sagen, so oft er will - aber keiner glaubt ihm. Vielleicht hat er sich gewünscht, er wäre in der Stadt Oldendorf geblieben und nicht vor Jahren ins Auetal gezogen. Der Liebe wegen hat er die Umzugskisten gepackt und sein Geld fünf Jahre als Arbeiter bei einer Fliesenfirma verdient. "Aber dann ist die Lage im Osten schlechter geworden, es gab kaum noch Aufträge", erklärt er. Die Folge: Ihm wurde gekündigt. Hier und da hat er dann gearbeitet, zuletzt beim Bauhof der Gemeinde, als Ein-Euro-Kraft. Den Job hat er auch verloren, "weil ich ständig an meinen Prozeß gedacht habe", sagt und blickt wieder auf die beiden Hände, die die Mütze kneten. Aber, so schiebt er nach, einmal sei er auch angetrunken gewesen auf der Arbeit. Dann kam der Tag des Prozesses. Mulmig ist ihm gewesen, richtig flau im Magen. Gleich fünf schauen auf ihn herab: drei Richter und zwei Schöffen werden ein Urteil fällen, dass im Falle eines Schuldspruches bei drei Jahren mindestens liegen würde, denn weniger Strafe sieht der Gesetzgeber für versuchten Mord gar nicht vor. Es ist gut gegangen an diesem Tag, am Schluss ist er freigesprochen worden, weil sich die Zeugen in Widersprüche verwickelten und dann nach intensiverer Befragung durch das Gericht zugaben, sich aus Rache alles ausgedacht zu haben. Dass die Staatsanwaltschaft nicht genug ermittelt hat, dass das Gericht die Anklage gar nicht zur Verhandlung hätte zulassen dürfen, diesen Schluss daraus zu ziehen, sei falsch, sagt seine Rechtsanwältin Anja Gellermann: Zwar habe es Widersprüche in den Aussagen gegeben, "aber manchmal kann man sich erst in der Hauptverhandlung ein Bild machen, weil man dann die Menschen zu den Aussagen sieht." Dabei hat der Borsteler im Vorfeld des Prozesses noch Glück gehabt. Die Staatsanwaltschaft hatte einen "dringenden Tatverdacht" gesehen und Haftbefehl beantragt, das Gericht allerdings nur auf "hinreichenden Tatverdacht" erkannt- und Fussy auf freien Fuß gelassen. Von einem Fehler mag auch Klaus- Jochen Schmidt als Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Bückeburg nicht sprechen: Nach der Aktenlage sei die Anklage schlüssig gewesen. Ob es André Fussy trösten mag, dass man zuweilen erst in die Mühlen der Justiz geraten kann, ehe man freigesprochen und damit rehabilitiert wird? Mehrere Monate hat er mit dem Mordversuchs-Makel leben müssen, jetzt, immerhin, kann er wieder jedem offen ins Gesicht sehen. Er ist unschuldig. "Und das kann jeder wissen." Deshalb hat er auch bei der Presse angerufen.

  • Mindeststrafe drei Jahre: Wegen versuchten Mordes musste sich André Fussy vor Gericht verantworten - und wurde "erster Klasse" freigesprochen. Fotos: rnk
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