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Abschluss der Borderline-Ausstellung: Referent findet Sympathie des Publikums mit unüblicher Offenheit

Husarenritt des "Ich"über alle Grenzen hinweg

Bückeburg (bus). Das Referat zum Abschluss der in der Sparkasse präsentierten Ausstellung "Tagebuch borderline-borderland" ist auf ungemein großes Interesse gestoßen. Selbst 45 zusätzlich zu den bereits vorhandenen mehr als einhundert Stühlen in den Vortragsraum des Geldinstituts geschaffte Sitzmöglichkeiten konnten nicht allen Besuchern Platz bieten. Als Dr. Ewald Rahn seine Ausführung mit erheblicher Verspätung begann, war das Publikum auf 200 Frauen und Männer angewachsen.

Die bemerkenswerte Resonanzüberraschte den Chefarzt der Abteilung für Allgemeinpsychiatrie an der Westfälischen Klinik Warstein weniger als die Veranstalter (Sozialpsychiatrische Dienste, Sozialpsychiatrischer Verbund und Begegnungsstätte für Psychiatrie-Erfahrene). Die Borderline-Störung sei "ein ganz bedeutsames Thema", der Besuch seiner Vorträge zumeist sehr gut, sagte Rahn. Was nicht zuletzt in der speziellen Art begründet liegen mag, mit der der Psychologe sich der Thematik nähert. Borderline gilt landläufig als ein Störungsgebiet, auf dem es wenig zu lachen gibt. Die Betroffenen werden als "zwischen Extremen pendelnd" beschrieben, als Personen, die auf der verzweifelten Suche nach festen Bezugspunkten ständig sowohl ihre eigenen Grenzen (und ihre Körper) als auch die Grenzen ihrer Mitmenschen überschreiten. Und als Patienten, die nicht nur kritisch und fordernd, sondern auch demütigend und kränkend sind. Man müsse davon sprechen, "dass Menschen mit Borderline-Störungen noch weit davon entfernt sind, humanistisch denken und handeln zu können", hält ein kaum fünf Jahre altes Lehrbuch fest. Ebenda: "Borderline-Patienten können gar nicht anders, als ihre Struktur- und Beziehungsdefizite in Beziehung zu anderen Menschen immer wieder zu inszenieren." Diese Lehrbuchmeinung gefällt Rahn ganz und gar nicht. "Das ist Menschenbeschimpfung in schöner Sprache", stellt er den Autoren ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Wobei er aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger agiert. Im Gegenteil. "Es macht Spaß, diese Patienten zu behandeln", gibt der Fachmann unumwunden zu. Rahn schlüpft während der gut zwei Stunden dauernden Darstellungen immer wieder in die Rolle des Geschichtenerzählers, gibt persönliche Erfahrungen preis und erläutert anhand von Beispielen. Dabei schildert er selbst hochdramatische Ereignisse - "das war wirklich schlimm" - zumeist mit einer Prise Humor. Darüber hinaus findet er die Sympathie der Zuhörer mit einer sonst im Weißkittel-Metier eher unüblichen Offenheit, die auch therapeutische Kapriolen der eigenen Zunft nicht ausnimmt. Die große Zahl der Symptome führe dazu, dass die Störung oft lange nicht erkannt werde, weiß der Experte. "Stattdessen wird an den einzelnen Krankheitszeichen herumgedoktert. Mal wird die Essstörung therapiert, mal werden depressive Begleiterscheinungen behandelt: Heilungserfolg gleich null." Nach Rahns Auffassung ist die Störung "eigentlich recht gut behandelbar". Wichtige Voraussetzung sei der Wunsch des Betroffenen zur Veränderung. Und man müsse die Patienten mögen. "Sonst klappt gar nichts." Obwohl die eigentlichen Ursachen des Syndroms bis heute nicht völlig geklärt sind, macht der Mediziner relativ gute Heilungschancen aus. "Das ist kein Schicksal, das man bis ans Ende seiner Tage tragen muss." Zudem: "Man kann mit Borderline leben." Ohnehin gehe die Störung mit zunehmendem Alter zurück. "Ich wusste immer schon, dass ich Sie nicht brauche", nannte Dr. Ewald Rahn als einen der bestmöglichen Abschiedssätze im Ohr des Therapeuten. Was ihm das Publikum ohne Wenn und Aber abnahm. Schließlich hatte er Borderline-Patienten auch als Menschen geschildert, die "uns Psychiater in Frage stellen". Und ein überzeugtes "Warum auch nicht?" hinzugefügt.

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