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Der Modena-Club lädt zur Bundesschau: 550 Tauben in der Liethhalle / Beste Bedingungen

"Hier stellen nur noch die Spezialisten aus"

Obernkirchen. Ohne Idealismus geht es nicht. Am Freitag hat sich Reinhard Bretting gegen 13 Uhr in seinen Wagen gesetzt und ist losgefahren. Von Ingolstadt nach Obernkirchen. Gut sechs Stunden hat er gebraucht, für den Bayern fast schon eine Spazierfahrt. Im letzten Monat, in der Schweiz, ja, das sei hart gewesen, erklärt er, ein wirklich weiter Weg, aber da habe es sich ja auch um eine Europaschau gehandelt. Kurzum: Im Herbst und Winter ist die Heimat des engagierten Rassetaubenzüchters und Preisrichters die Autobahn - nach der Zuchtsaison folgt die Ausstellungssaison, so sicher wie der Tag der Nacht.

Bretting ist nicht nur Vorsitzender des Modena-Clubs Deutschland, der in Obernkirchen zur Bundesschau lädt, sondern auch Preisrichter und natürlich Züchter. Mit 13 Jahren, so erzählt er, habe er angefangen, "die Rasse mit den schönsten und intensivsten Farben zu züchten" - die Modena-Tauben, die ihren Namen nach der norditalienischen Universitätsstadt an südlichen Rand der Poebene erhalten haben. Über Frankreich und England kamen sie im Laufe der letzten drei Jahrhunderte veredelt nach Deutschland. In Obernkirchen stehen die runden Tiere schon zahlenmäßig im Mittelpunkt der Schau, der sich auch der Rassetaubenclub Weserbergland und der Bezirk Nord des Modena Clubs angeschlossen haben: Von 550 Tauben gehören 370 zu den Modena, die Aussteller kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Schau in Obernkirchen ist für die Züchter ein Höhepunkt der Saison. Wer hier, beim nationalen Vergleich, ein "vorzüglich" von den Richtern erhält, gehört zur Spitze der besten Züchter in ganz Deutschland. "Die Qualität ist sehr hoch und mit der einer Lokalschau nicht zu vergleichen", erklärt Ausstellungsleiter PeterJahn: "Hier stellen nur Spezialisten aus." Und werden von Spezialisten bewertet: Für die Bundesschau sind Sonderrichter im Einsatz. Drei Jahre, so erklärt Birgit Schnepel, dauere die Ausbildung zur Preisrichterin, während sie bei einem "Wiener Tümmler" die Augen und den Rand drumherum, die so genannte "Maske", untersucht und für gut befindet: Schließlich gebe es über 300 Rassen, erklärt sie und spreizt einem Kupfergimpel das Gefieder: Es ist, wie es die Vorschriften wollen - samtig und kupferfarben, auch die Schwanzfedern entsprechen den Vorschriften: Ein Dutzend sollen es sein, nicht mehr, nicht weniger. Die Voraussetzungen für die Richter sind in der großen Liethhalle optimal: In jeder Reihe steht immer nur ein Käfig, nicht zwei, wie so oft auf kleineren Schauen. Das kann Nachteile für den Züchter mit sich bringen: Der untere der beiden Käfige steht oftmals im Schatten. Da kann der Vogel noch so ein schönes Gefieder haben: Was der Preisrichter nicht vernünftig sieht, kann er nicht richtig bewerten. Und auf einer Bundesschau, findet nicht nur Bretting, sollten schon beste Bedingungen herrschen. Steigen die Vögel deutlich im Wert, wenn sie ein vorzüglich" erhalten haben? "Na ja", meint Bretting, "ein bisschen schon. Aber ich würde meine Zuchttiere für kein Geld der Welt verkaufen." Ganz so teuer ist der Einstieg in das Züchterleben nicht: Ab 25 Euro ist eine für die Zucht taugliche Taube zu haben, im Durchschnitt umfasst eine Zucht acht bis 20 Paare, erklärt Ausstellungsleiter Jahn. Mit der Vogelgrippe haben die Züchter fast keine Last. Das Löffler-Institut in München, so erklärt Modena-Chef Bretting, habe vor Monaten Tauben mit der Vogelgrippe infiziert. Die Krankheit sei nicht ausgebrochen, und da die Tauben in dieser Zeit mit anderen Tieren in einem Käfig gelebt hätten, sei gesichert, dass sie auchals Überträger nicht in Frage kämen: Kein anderes Tier habe sich infiziert: "Von Tauben geht keine Gefahr aus." Der Geist der Vogelgrippe schwebt dennochüber der Schau: Die Züchter aus Frankreich, Dänemark und den Niederländern fehlen - sie durften mit ihren Tieren dieses Jahr nicht einreisen. Gestern, gegen Mittag, hat Bretting die Rückreise angetreten. Zum "Tatort" abends will er daheim sein. Nach seinen Tauben braucht er dann nicht mehr zu schauen. Das hat sein Vater schon getan. Es ist das zweite, was ein Züchter neben dem Idealismus noch benötigt: Ab und an ein bisschen Hilfe.

  • Samtig und schön durchgezeichnet: So soll ein Kupfergimpel aussehen, dann darf er auch auf die nationale Leistungsschau.
  • Reinhard Bretting
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