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Lesung aus Anlass des 60. Todestages von Friedrich Muckermann / Profilierter Theologe

Gedanken erscheinen aktueller denn je

Bückeburg (gp). "Die beste Freundschaft unter den Konfessionen wird dadurch erreicht, dass jede ihrem Charakter gemäß lebt", schrieb 1934, wenige Monate vor seiner Flucht vor den NS-Schergen, der in Bückeburg geborene und aufgewachsene Theologe und Publizist Friedrich Muckermann. Seine Einschätzung hat, obwohl damals vor allem auf das Zusammenleben von Protestanten und Katholiken gemünzt, nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Im Gegenteil - angesichts der derzeit immer lautstärker und fundamentalistischer geführten Glaubensauseinandersetzungen erscheinen die Thesen und Forderungen des Jesuitenpaters aktueller und bedeutsamer denn je.

Die "Zeitlosigkeit" von Muckermanns Lehren und seine Vorbildfunktion als Christ waren denn auch die Kernthemen einer Gedenkveranstaltung, zu der kürzlich die katholische Kirchengemeinde eingeladen hatte. Anlass war der 60. Todestag des bemerkenswerten, in seiner Heimatstadt Bückeburg nach wie vor weitgehend unbeachteten Mannes. Muckermann war am 2. April 1946 - nach zwölf Jahre andauernder Flucht und Vertreibung - im Alter von 62 Jahren gestorben. Im Rahmen eines Wechselgesprächs gingen Eva Rademacher und Gemeinderatsvorsitzender Johannes Kersting in der St.-Marien-Kirche auf einige der markantesten Erfahrungen und Einschnitte im Leben des Theologen ein. Muckermann wurde 1883 im Eckhaus Nr. 79 Lange Straße geboren. Nach dem Abitur am Adolfinum studierte er Theologie, Philosophie, Germanistik und Literaturwissenschaften. Auf Wunsch seiner Ordensoberen arbeitete er in der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit. Schon bald galt er als einer der profiliertesten deutschsprachigen Journalisten, Kritiker und Kommentatoren. Er schrieb mehrere Bücher. 1931 wurde ihm der Goethe-Preis verliehen. Sein konsequentes Eintreten für Freiheit und Menschenwürde brachte ihn schon früh in Konflikt mit dem Hitler-Regime. Seine Werke wurden öffentlich verbrannt. Muckermann musste Deutschland verlassen. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Mehrmals entging er knapp dem Zugriff der vorrückenden Wehrmachtstruppen. Zuletzt rettete er sich ins schweizerische Montreux, wo er kurz nach Kriegsende starb und seine letzte Ruhestätte fand. Während der Lesung kam eine Reihe neuer, bisher weitgehend unbekannter Details aus dem Leben des Bückeburgers zu Tage. So hatte er sich schon als junger Priester - lange vor seinem Widerstandkampf gegen das NS-Regime - mit den bolschewistischen Sowjet-Machthabern angelegt und war deshalb in Russland zum Tode verurteilt worden. Hintergrund: Der damals noch junge Priester war während des Ersten Weltkrieges als Feldgeistlicher eingesetzt. Gegen Ende des Krieges betreute er eine Gemeinde im lettischen Wilna. Nicht nur von der Kanzel herab ging er aufs schärfste mit der bolschewistischen Gottlosigkeit ins Gericht. Seine Predigten und Schriften in polnischer und/oder russischer Sprache fanden über Lettland hinaus Gehör. Bei der Besetzung Wilnas im Februar 1919 durch die Sowjets versuchten ihn die Einwohner zu schützen. Zwei Tage und zwei Nächte lang harrten an die 2000 Menschen mit ihmin der Kirche aus. Es nützte nichts. Muckermann wurde nach Russland verschleppt und acht Monate lang eingekerkert. Er kam nur frei, weil sich einflussreiche polnische Freunde für ihn stark machten. Muckermanns Gedankenüber diese Epoche seien "spannend wie ein Krimi", sagte Kersting und wies mehrmals auf Parallelen und Unterschiede zu den zurzeit anstehenden Kirchen- und Glaubensfragen hin. Das machte die Veranstaltung zu einer gleichermaßen würdigen wie aktuellen Auseinandersetzung mit einer großen und beeindruckenden heimischen Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts. Der komplette Lesungstext "Friedrich Muckermann - ein christliches Vorbild" ist im Internet unter www.stmarien-bueckeburg.de nachlesbar.

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