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Wie die Martin Luther-King-Story beim Kulturring von den Stühlen riss

Gänsehaut-Theater im Brückentor mit Ron Williams in "I have a dream"

Rinteln. War daüberhaupt noch irgendwo ein Plätzchen frei geblieben im Brückentorsaal, als sich der Vorhang auftat für das musikalische Schauspiel "I have a dream" von Gerold Theobalt mit den Stars Ron Williams in der Rolle des Menschenrechts-Aktivisten Martin Luther King und der operngeschulten Felicia Weathers als seiner Mutter Bunch King?

Der Politiker, Prediger und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King gehört zweifellos zu den Ikonen des vergangenen Jahrhunderts, und es gelingt dem Stück in der Regie von Helmuth Fuschel meisterhaft, den widersprüchlichen Charakter dieses unbeugsamen Mannes darzustellen, ohne dabei die Augen vor seinen menschlichen Schwächen zu verschließen. Mit seiner pointiert eingesetzten Blues-Stimme gelingt es Ron Williams singend wie schauspielernd, Charisma auf der Bühne darzustellen. Und wie Frau Weathers ihren Emotionen vor allem gesanglich gesanglich Ausdruck verleiht, fordert das Publikum mehrmals zu stürmischem Zwischenapplaus heraus. Herausragend ihr kleines Zwischenspiel in der Rolle der Rosa Parks, deren Insistieren auf dem Sitzplatz im Bus einst das Entstehen einer breiten Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus in Gang brachte. Auch Bibiana Malay als Coretta King gelingt eine nuancierte Studie der Frau des farbigen Menschenführers und gelegentlich auch Frauenverführers, die sich bei allem emanzipatorischen Impetus immer wieder auf die Rolle der Frau an seiner Seite verdrängen lässt. In der Rolle von Daddy King, dem um die Entwicklung seines Sohnes Martin so besorgten Baptistenpredigers, kann Theodor Michael in derganzen Zerrissenheit dieser Figur überzeugen, ohne dass die komödiantischen Aspekte dieser Figur zu kurz kommen. Kings Mitstreiter Ralf Abernathy bringt Vincent W. Lewis glaubhaftüber die Bühne und der radikale Eiferer Malcolm X wird von Jonathan nicht auf den militanten Hassprediger reduziert, sondern gewinnt auch eigenes Profil als intellektueller Gegenspieler von King. Großartig Ariane Marlene Roth (übrigens die Tochter von Hauptdarsteller Ron Williams) im Duett mit ihrem Vater bei dem wundervollen Song "Lady Liberty", das gemeinsam mit dem Titel "Freedomland" zum musikalischen Höhepunkt des Abends wurde. Allerdings hätte die Regie gut daran getan, ihr und auch anderen Darstellern bei einigen Szenen korrigierend darzulegen, dass ein Übermaß an Pathos nicht immer geeignet ist, den Stellenwert der jeweiligen Aussage zu unterstreichen: Da kam manches im dramatischen Inszenierungsstil großräumiger Freilichtbühnen daher und verfehlte damit den Adressaten. Die im Stück vorkommenden "weißen" Protagonisten aus dem rechtsextremistischen, teilweise auch liberalen Lager waren bewusst als Redneck-Karikaturen und Karrieristen überzogen - mitunter peinlich-komische Figuren, die in Matthias Heidepriem und Jörg Reimers in Mehrfachbesetzung ihren passablen Ausdruck fanden. An Piano und Keyboard bewies Michael Ruff seine Vielseitigkeit, der gemeinsam mit Ron Williams, Felicia Weathers, Hans-Peter Krohn, Paul Brown und Per Fect für musikalische Arrangements und Kompositionen verantwortlich zeichnete. Zum schockierenden Schluss die Ermordung von Martin Luther King. Tiefe Betroffenheit und dann jubelnder Beifall, der sich, ungewöhnlich genug für Rinteln, bis zu "standing ovations" steigerte.

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