weather-image
Die Welt zu Hause in Schaumburg: Serie zur Fußball-WM / Argentinier Hugo Girardi bleibt vor dem Viertelfinale ruhig

"Für mich zählt nur, dass guter Fußball gespielt wird"

Extertal. "Ich habe sehr gelitten, so sehr wie noch nie." Mit einigem Unbehagen erinnert sich Meiti Herlyn-Girardi an die Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. Den Endspiel-Krimi zwischen Deutschland und Argentinien verfolgte die in Rinteln aufgewachsene Meiti ausgerechnet im Land des Finalgegners: Drei Jahre zuvor war sie mit ihrem Mann Hugo Girardi in dessen Heimatland ausgewandert. "Natürlich war ich für Deutschland!" erinnert sie sich noch heute voller Leidenschaft an den 29. Juni 1986 - und an die bitteren Tränen nach der 2:3-Niederlage. Trocknen konnte die am besten ihr argentinischer Ehemann, der zu Sieg oder Niederlage ein sehr entspanntes Verhältnis hat: "Für mich zählt nur, dass guter Fußball gespielt wird."

Entsprechend zurückhaltend ist Hugo Girardi auch vor dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien heute Abend in Berlin: Einen Tipp für die Partie mag er nicht abgeben. Nur so viel: "Wenn Argentinien so spielt wie gegen Mexiko, dann wird es schwierig gegen Deutschland, wenn sie so spielen wie gegen Serbien-Montenegro, dann können sie gewinnen." Nach Vorrunde und Achtelfinale sieht er Argentinien und Deutschland auf demselben Niveau: "Beide spielen guten Fußball, beide zeigen großes Interesse am Spiel." Ganz anders als England, Italien oder Brasilien, Mannschaften, die ihn bei dieser WM enttäuschen: "Denen fehlt die Leidenschaft." Fußball-Leidenschaft, die liegt der Familie Herlyn-Girardi im Blut. Alle drei Söhne haben beim TSV Exten Fußball gespielt, die Eltern waren am Spielfeldrand nahezu immer dabei. "Mittlerweile kennen wir uns auf Schaumburgs Fußballplätzen ganz gut aus", schmunzeln sie. Fußball - das ist für die Girardis ein Familien-Ereignis. Und etwas, was man mit Freunden feiert. Mit Landsleuten vom "Centro Cultural Argentino" in Hannover war Hugo beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Nationen im April 2002 hautnah dabei: Das WM-Vorbereitungsspiel in Stuttgart ging aus deutscher Sicht mit 0 : 1 verloren. Dass die Argentinier nur wenige Wochen später schon in der Vorrunde der WM scheiterten, auch dafür hat Hugo eine Erklärung: "Sie haben europäischen Fußball gespielt, ohne Flanken, ohne Leidenschaft." Wie Hugo nach Deutschland gekommen ist, das ist eine wunderschöne Aussteiger-Geschichte aus der Hippie-Zeit. Mit 30 Jahren hat er in Argentinien seine eigene Firma verkauft und sich auf den Weg nach Europa gemacht, nach Spanien. Auf Ibiza entdeckte der junge Aussteiger sein Geschick im Kunsthandwerk. Eine Begeisterung, von der er noch heute leben kann: Die Rintelner kennen die kunstvoll gefertigten Lederwaren von Girardis Ständen auf Öko- oder Bauernmarkt. Lange Zeit hat er in Paris gelebt, in Italien, in Norwegen. In Hannover schließlich war Endstation: Da hat er Meiti kennen gelernt. "Und dann konnte ich nicht mehr weiterfahren", lächelt er heute. 1983 ist die junge Familie nach Argentinien gegangen, mit Pflegetochter Julia (heute 33) und den eigenen Kindern Maria Laura (25) und Jan (23). Zehn Jahre lang lebten sie in der kleinen Stadt La Carlotta in der mittelargentinischen Provinz Córdoba, die Söhne Nico (19) und Martin (16) kamen dort zur Welt. Und auch wenn Meiti und Hugo nach der Rückkehr nach Deutschland 1994 in ihrem Holzhaus in Kükenbruch ein gemütliches Zuhause gefunden haben - ein bisschen bleibt die Familie Pendler zwischen den Welten. So leben Jan und Martin mittlerweile wieder in Argentinien, auch Maria Laura kann sich ein Leben in Südamerika vorstellen. Und Nico hat gerade am Ernestinum Abitur gemacht. Ein wunderbarer Anlass zum Feiern - mit einem dicken Wermutstropfen: Die Entlassungsfeier heute Nachmittag findet ausgerechnet zeitgleich zum WM-Viertelfinale statt. Und so dürfte Meiti Herlyn-Girardi wieder ähnlich leiden wie vor 20 Jahren und einem Tag.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare