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Fünf Zugaben: Schlager-Ikone Udo Jürgens begeistert in der Kampa-Halle seine Fans

Früher warst Du Goethe, heute bist Du Küblböck

Minden. Viele kennen Oscar Wildes Geschichte vom ewig jungen Dorian Gray, dessen Portrait an seiner Stelle altert. Irgendwo in einem verwunschenen Gewölbe im österreichischen Klagenfurt muss es ein solches Gemälde eines gewissen Udo Jürgen Bockelmann geben, welches in jedem Jahr sichtbar älter wird. Sein leibhaftiges, mittlerweile über 70-jähriges Alter Ego hingegen tobt sich dagegen in geradezu unheimlicher jugendlicher Frische auf den Bühnen dieser Republik aus. Nur zwei Jahre nach seiner letzten Konzert-Visite, ist Udo Jürgens jetzt wieder in der Kampa-Halle Minden zu Gast gewesen.

Mit 66 Jahren finge das Leben an, behauptete Udo Jürgens einst. Doch der Mann, der das Konzert allein am Flügel im schwarzen Anzug mit "In allen Dingen lebt ein Lied" beginnt, ist mittlerweile 71 und lässt immer noch so manchen Mittdreißiger an Jugendlichkeit und Vitalität alt aussehen. Der Mann ist ein Phänomen: Was bei anderen Schlagersängern vom Kaliber eines Engelbert, Brink oder Marshall nur peinlich wirkt, bei Udo Jürgens funktioniert es. Seine Liebeslieder sind leidenschaftlich, aber nie kitschig, seine Texte pathetisch, aber nie peinlich. Dazu liefern Kompagnon Pepe Lienhard und dessen Orchester seit 30 Jahren das passende musikalische Fundament. In der ersten Konzerthälfte singt Jürgens sich durchs aktuelle Album "Jetzt oder nie!", gibt sich kämpferisch beim Titelstück, leidenschaftlich bei "Bis ans Ende meiner Lieder", notorisch unvernünftig bei "Flieg mit mir" und trotzig bei "Dass ich dich liebe, was geht es dich an?" - einer Zeile von Goethe, die Jürgens mit einer Melange aus Mozart-Harmonien und Reggae-Beats unterlegt. Aber Udo Jürgens kann auch nachdenklich und markiert mit "Fünf Minuten vor Zwölf" (einer Anklage von Umweltverbechen) nicht nur musikalisch einen der Höhepunkte der ersten Konzerthälfte. Seinen Evergreen vom "ehrenwerten Haus" mixt er mit dem unbekannten, aber inhaltlich ähnlich gelagerten "Die Leute".Ein Schuss Satire gefällig? Kein Problem: "Dass Du Deutschland seiest, das sagt man Dir im Fernsehen, da bleibt Dir glatt die Spucke weg. Denn das heißt doch: Du bist Schnappi. Früher warst Du Goethe, und heute bist Du Küblböck." Im zweiten Teil geht es mit "Vielen Dank für die Blumen", "Aber bitte mit Sahne" und "New York" in die Vollen. Selbst härtester Jürgens-Tobak wie "17 Jahr, blondes Haar", "Griechischer Wein" und sein Grand-Prix-Siegertitel "Merci Cheri" von 1966 fehlen nicht. "Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal" verabschiedet sich Udo Jürgens nach fünf Zugabe im schneeweißen Bademantel.

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