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Gomel-Hilfe: Es fehlt an Gasteltern / Organisator Hans Chélard befürchtet Ende der Aktion

Einmal noch helfen - und dann nie wieder?

Auetal (rnk). Noch einmal wird der Focus der Welt in gut drei Monaten auf die Region gerichtet, noch einmal werden die Mahnungen und Warnungen ausgesprochen, Hilfeleistungen und Unterstützung versprochen und dann, so befürchten Experten, wird die Welt Tschernobyl vergessen. Auch Hans Chélard, Organisator der Gomel-Hilfe des Auetals, hegt ähnliche Befürchtungen: Ob es die Auetaler Hilfe im nächsten Jahr noch gibt, steht in den Sternen.

Als Indikator für die Befürchtungen nimmt Chélard die Hilfsbereitschaft der Auetaler, Kinder aus der Region Gomel im Sommer für vier Wochen als Gäste aufzunehmen. Das war in der hohen Zeit der Hilfe gar kein Problem, bis zu 20 Kinder konnte die Hilfsoganisation für vier Wochen ins Auetal laden, um sich dort von den Folgen der Reaktorkatastrophe zu erholen. Das ist heute anders, Chélard hat große Probleme, Gastfamilien zu finden. Wenigstens acht sollen es sein, damit 16 Kinder eingeladen werden können. (Es hat sich bewährt, immer zwei Kinder auf einen Haushalt aufzuteilen.) Bislang können ein Dutzend eingeladen werden, für Chélard und Inge Hohmeyer, die mit ihm die Hilfe organisiert, nicht nachvollziehbar: "Bei 1500 Familien im Auetal müssten sich doch acht finden, die helfen wollen und können." Denn, so formuliert es Chélard, "auch wenn bei uns die Zeit, in der nach der Katastrophe die Kinder nicht mehr im Sandkasten spielen durften, das Gemüse aus dem eigenen Garten untergepflügt und Milch weggeschüttet wurde und die berüchtigten Bequerel-Werte täglich in der Zeitung standen, längst vergessen sind: Die Folgen dieser Katastrophe werden niemals verschwinden." Die Fakten bestätigen ihn: Fast 70 Prozent der ausgetretenen radioaktiven Stoffe gingen auf dem Gebiet von Weißrussland nieder, 22 Prozent der Fläche, auf dem etwa ein Fünftel der Einwohnerschaft leben, wurden langfristig radioaktiv verseucht. Die Folgen sind gravierend und lebensbedrohend. Viele Menschen, so erzählt Chélard, der die Region mehrmals besucht hat, litten an Schilddrüsenkrebs, Magen-Darm-Erkrankungen, Leukämie, Brustkrebs und Organ-Krebs-Erkrankungen, Jugend-Diabetes und Immunschwächen. Chélard: "Besonders betroffen sind Säuglinge und Kinder, die in dieser verstrahlten Umwelt geboren werden und aufwachsen." Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat zugenommen, ebenso sind vermehrt Missbildungen und Totgeburten festzustellen. Chélard: Die Zahl der Erkrankungen steigt weiter an. "Weil die Langzeitfolgen der Verstrahlung kaum einzuschätzen sind und erst allmählich sichtbar werden, ist der negative Höhepunkt nach Meinung der Experten noch lange nicht erreicht." 245 Kinder haben seit 1992 im Auetal jeweils die vierwöchige Gastfreundschaft genießen können. Die gesundheitlichen Erfolge durch den Aufenthalt seien, so Chélard, längst erwiesen, umso bedauerlicher wäre es, wenn die Kinder dazu keine Gelegenheit mehr hätten, weil hier die Gastfamilien fehlen würden. Vielleicht, so der Bernser bei der Ursachenforschung, liegt der Rückgang der Hilfe auch daran, dass die Kraft eines Amtes fehlte: Vor dem Bernser war Kathrinhagens Pastor Michael Speer die treibende Kraft der Auetaler Hilfe. Damals, so erinnert sich Chélard, hätten es alle Familien des Kirchenvorstandes als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, zwei Kinder aufzunehmen. Im letzten Jahr sei keine Familie aus dem Kirchenvorstand unter den Gasteltern gewesen. Kontakt: Wer in diesem Jahr helfen möchte, wendet sich an Hans Chélard, (05753) 1566, Inge Hohmeyer ist unter (05753) 4208 erreichbar. Hinweis: Der Kirchenkreis Schaumburg veranstaltet am 26. April, dem 20. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, in der Stiftskirche Obernkirchen um 18 Uhr einen Gedenkgottesdienst. Dort wird es dann auch Aktionen zum Thema geben.

  • Hans Chélard
  • Inge Hohmeyer
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