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Er lebte 13 Jahre in Obernkirchen: Wer war Eric George Ackermann?

Ein Phantom mit Spezialauftrag: Wer kennt den geheimnisvollen Briten?

Obernkirchen. Nicht einmal die korrekte Schreibweise seines Namens ist bekannt: mit einem oder mit zwei "n"? Eric George Ackermann, ein Brite mit einem deutschen Namen, ist ein Phantom, das zwar 13 Jahre lang in Obernkirchen gelebt hat,über das aber niemand Auskunft geben kann - oder will. Diese Erfahrung hat David Haysom gemacht, ein ehemaliger Soldat der britischen Rheinarmee, der heute in Buchholz bei Hamburg lebt. Haysom hat es sich zur Aufgabe gemacht, das "Rätsel Ackermann" zu lösen. "Doch je länger ich nach Antworten suche, desto mehr neue Fragen stellen sich", klagt der ehemalige Funker, der schon zweimal in Obernkirchen auf Spurensuche war.

Diese Spuren reichen zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit des Jahres 1945. Im Sommer hatten die Briten Einzug in der Bergstadt gehalten und richteten sich in der Folgezeit auf der "Alten Bückeburg" in der "Harden Kaserne" ein. Mit dabei war Eric George Ackermann. Er hatte einen Spezialauftrag. Ackermann sollte in Deutschland nach Funk- und Radiotechnik suchen, die von der Wehrmacht benutzt wurde. Die Briten erhofften sich davon neue Erkenntnisse, die sie militärisch nutzen wollten. Der Mann schien bestens geeignet. Ausgebildet als Elektroingenieur, diente er bei der Royal Air Force mit der Aufgabe, Funkleitstellen der deutschen Luftwaffe auszumachen und zu zerstören, um so deutschen Bombern die Navigation unmöglich zu machen. Ackermann flog rund 90 Einsätze über "Feindgebiet". Er meldete sich immer dann freiwillig, wenn es besonders gefährlich wurde. Für seine Einsätze erhielt Ackermann 1944 mit der "King-George-Medal" eine hohe Auszeichnung. Kurz nach Kriegsende bemühte er sich, Erkenntnisse über die deutsche Raketentechnik (V1 und V2) zu gewinnen. In dem Buch "Der streng geheime Krieg" (Most Secret War) des Churchill-Beraters Victor Jones findet sich der Hinweis, dass Ackermann zum Chef einer Einheit ernannt wurde, die wissenschaftlich-militärische Ausrüstung der Deutschen sicherstellen sollte. Die Einheit nannte sich ASRU (Air Scientific Equipment Recovery Unit) und betrieb ein geheimes Labor in Obernkirchen. Darüber hinaus war Ackermann wahrscheinlich verantwortlich für militärische Einrichtungen auf dem Bückeberg. Vermutlich ließ er das heute als "Jahn-Turm" bekannte Sandsteingebäude nahe dem "Gasthaus Walter" errichten. Weitere Stationen befanden sich sowohl im Gasthaus selbst, in dem die Briten bis 1958 mehrere Räume nutzten, als auch unmittelbar davor. Am heutigen Aussichtspunkt standen auf einer noch vorhandenen Betonplatte zwei LKW mit Funkanlagen fest etabliert, umgeben von hohen Metallgitterzäunen. Im Gebäude der Sandsteinbrüche (heute JBF-Zentrum) befand sich eine Dezimeter-Station. Ein Großteil der technischen Anlagen stammte aus Wehrmachtbeständen. Zum Teil waren auch die ehemaligen Betreiber - nunmehr als Kriegsgefangene - mitgenommen worden, um den Briten bei der Nutzung der Technik zu helfen. Bis heute ist unklar, welche Aufgaben diese Einrichtungen hatten. Bekannt ist, das zwei Briten mit Russisch-Kenntnissen dort arbeiteten. Außerdem dienten die Anlagen als Peilstationen. Ackermann selbst wohnte bis 1958 am Sülbecker Weg in Obernkirchen, wahrscheinlich im Haus des ehemaligen Nazi-Bürgermeisters Wilhelm Ehlert. Doch selbst Nachbarn aus jenen Tagen können sich nicht an den Briten erinnern. Bekannt ist, dass Ackermann in Bad Eilsen die ungarische Übersetzerin Gisella von Schmidt heiratete, die damals in der Obernkirchener Admiral-Scheer-Straße wohnte. Sie bekamen zwei Kinder. Im Winter 1946 brach Ackermann zu einer abenteuerlichen Mission auf. Imösterreichischen Ried befand sich die ehemalige Zentralstelle für Funkberatung der Wehrmacht mit zahlreichen technischen Geräten. Diese Stelle sollte bis zur letzten Schraube abgebaut und auf LKW verladen werden, um sie nach Lindau bei Göttingen zu bringen. Aus ihr ging später das Max-Planck-Institut für Ionosphärenphysik hervor. Den Transport sollte Ackermann organisieren. Während des Transports erhielten britische Dienststellen Kenntnis von "unanständigem Funkverkehr" auf Militärfrequenzen, der mit einer großen Schwarzmarktbande in Süddeutschland in Verbindung gebracht wurde. Peilungen ergaben, dass der Sender sich bewegte, die Nachrichten stammten von Ackermann. Dieser war seit zwei Monaten mit seinen LKWs "verschwunden". Bis heute weigern sich die Archive, wesentliche Zusammenhänge dieses Unternehmens preiszugeben. Unklar ist etwa, weshalb ein Teil des Konvois nicht direkt nach Lindau fuhr, sondern einen Umweg über Obernkirchen nahm. Ackermann jedenfalls zog sich auf eigentümliche Weise aus der Affäre. Er wurde nicht verhaftet, sondern erhielt von höchster Stelle sogar Unterstützung zugesagt und wurde maßgebend dem technischen Aufbau des britischen Armeesenders BFBS beteiligt. Bekam man später doch noch andere Informationen über Ackermann? "Es ist sehr merkwürdig, dass er aus der Liste der Träger der King-George-Medal gestrichen wurde", wundert sich David Haysom. Bekannt ist nur, dass Ackermann 1958 Obernkirchen verlies und dienstlich nach England ging. Danach verliert sich die Spur. Nicht einmal eine Todesnachricht ist bekannt, für einen ehemaligen Militärangehörigen sehr ungewöhnlich. War Ackermann doch in Schwarzmarktgeschäfte größeren Stils verwickelt? Waren sein Aktivitäten bei der Royal Air Force oder gar darüber hinaus noch geheimnisvoller als vermutet? Warum bleiben die offiziellen Archive verschlossen? Warum kann sich kaum jemand an Eric George Ackermann erinnern? Gibt es in Obernkirchen noch Zeitzeugen?

  • Eric Georg Ackermann
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