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"Zitterpartie" vor Gericht: Freispruch - trotzdem liest der Richter den Angeklagten die Leviten

Drei Gerichtsvollzieher von eigenen Gnaden

Heeßen/Bückeburg (ly). Wer Gerichtsvollzieher in eigener Sache spielt, wandelt auf dem schmalen Grat zur Strafbarkeit. Das zeigt ein Fall aus Heeßen, der jetzt das Bückeburger Schöffengericht beschäftigt hat. Am Ende standen Freisprüche. Vorausgegangen war aus Sicht der Angeklagten jedoch eine Zitterpartie. Denn für die drei Männer ging es um den Vorwurf des Raubes, eines Verbrechens also, auf das mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe steht.

Im September vergangenen Jahres hatte ein Luhdener (58) versucht, von einem Bekannten in Heeßen 180 Euro einzutreiben. Weil der Schuldner mal wieder klamm war, nahmen der Besucher und dessen zwei Begleiter als Pfand eine Musikanlage mit (wir berichteten). Dass die Diskussion darüber recht temperamentvoll geraten war, gilt als überliefert. Bedroht oder gar verprügelt wurde der Hausherr(25) allerdings nicht - deshalb Freispruch. In der Anklageschrift hatte es geheißen, der Heeßer sei mit den Worten eingeschüchtert worden, man werde ihm "die Schnauze einschlagen". Für eine Verurteilung hätte das womöglich gereicht. Mittlerweile stellt sich die Sache anders dar. Tatsächlich hat der Anführer des Trios nämlich lediglich gesagt: "Jeder andere hätte dir schon einen aufs Maul gehauen." Ein gewaltiger Unterschied. Davon abgesehen, hatte der Luhdener ein Anrecht auf das Geld. Dass er sauer war, kann man also verstehen. Acht Monate lang hatte der Schuldner nicht gezahlt. Juristisch setzt Raub außer Gewalt oder Drohungen zusätzlich voraus, dass der Räuber die geraubten Sachen verwerten will. Davon kann in diesem Fall ebenfalls keine Rede sein. Der Heeßer hat zwischenzeitlich gezahlt und seine Anlage auch prompt zurückbekommen. Trotz des Freispruchs las Richter Dr. Dirk von Behren den Gerichtsvollziehern von eigenen Gnaden die Leviten. Die Männer hätten sich "an der Grenze zur Illegalität bewegt", sagte er und schlug vor, es beim nächsten Mal mit dem Rechtsweg zu versuchen. Das Verfahren, so von Behren, sei "im Nachhinein überflüssig" gewesen. Als Folge der Aktion in Heeßen waren zwei Männer festgenommen worden, bevor der Haftbefehl gegen sie nach kurzer Zeit hinter Gittern außer Vollzug gesetzt wurde. Auf Haftentschädigung haben die Schuldeneintreiber übrigens verzichtet. Sehr nobel. Bei den Ermittlungen dürfte es sich nicht so gut gemacht haben, dass der Anführer am Tag des Vorfalls wegen eines anderes Deliktes verurteilt worden war. Vor Gericht erzielte der 58-Jährige jetzt einen Doppelsieg: Vom zweiten Vorwurf, Betrug in einem weiteren Verfahren, wurde er ebenfalls freigesprochen.

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