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Alexander Perlüber die "Entdeckung von Landschaft" / Hofwiesen als Beispiel / Beitrag des Schlossverwalters im neuen Kulturatlas

Die Natur um uns herum ist von Menschenhand geformt

Bückeburg (bus). Alexander Perl stellt im jüngst veröffentlichten Kulturatlas "Entdeckung von Landschaft" anhand der Hofwiesen am Bückeburger Schloss vor, wie sehr die Kultur die Landschaft prägt. "Was wir heute als vermeintlich unberührte Natur empfinden, ist in Wirklichkeit die Folge menschlichen Einwirkens", notiert der Schlossverwalter in seinem lesenswerten Beitrag. Perl: "Die Natur um uns herum ist von Menschenhand geformt."

Der Autor beschreibt ein mehr als 80 Hektar umfassendes Areal, das begrenzt ist durch die Straße "Am Hasengarten" im Westen, die "Lulu-von-Strauß-und-Torney-Straße" im Osten, dem Schlosspark und dem Schlossgraben im Norden und der Schermbeeke sowie der B 83 im Süden. Hier begann das "Berühren" vor 700 Jahren. Damals legten die Schaumburger Grafen dort, wo heute das Schloss steht, eine Wasserburg an. Es ging um die Kontrolle des "Helweges" - eine der wichtigsten frühzeitlichen Handelsverbindungen. Ab 1560 verfügt "Bukkeborch" über zwei Gräben. Die schmale, unmittelbar am Haus gelegene Furche, galt trotz ihrer Unscheinbarkeit als Hindernis der übelsten Art - sie diente zum Kloakentransport der außen an der Burg liegenden Toilettenerker. "Scheiße gelaufen", hört man die Angreifer fluchen. Die Wasserhaltung des heute noch vorhandenen äußeren Grabens war kompliziert. In den Hofwiesen existierten mehrere Schleusen. Sowohl bei Hochwasser als auch bei Dürre tauchten Probleme auf - entweder waren die Wiesen überschwemmt und die Heuernte verzögerte sich, oder das Wasser war so knapp, dass der Schlamm zu stinken begann. Die Hofwiesen waren und sind seit je her Teil der herrschaftlichen Gesamtgartenanlage. Veränderungen waren nicht zuletzt durch das im Laufe der Zeit ständig wechselnde Verständnis von Landschaft und Landschaftsgestaltung geprägt. Und von den Vorlieben derer zu Schaumburg-Lippe. Die Geschichte des Schlossgartens lässt sich bis auf Otto IV. (1544 bis 1576) zurückführen. Damals war auf der Westseite des äußeren Grabens ein gut sortierter Kräutergarten anzutreffen. Unter Graf/Fürst Ernst (1601 bis 1622), der Bückeburg zur Residenz erhob, ging's ordentlich voran. Ernst ließ einem zeitnah (Merian Topographia Westphaliae 1647) berichtenden Experten zufolge das Schloss "mit einer künstlichen schönen Hoff-Kapellen und Fürstlichem Lustgarten zieren und den vorhin bey dem Schloß gewesten kotthichten offenen Flecken zu einer Statt machen..." Schon wegen der von Adrian de Vries gefertigten Gartenskulpturen und der teilweise im Schlosspark noch vorhandenen Sandsteinplastiken darf man sich einen prächtigen Renaissancegarten vorstellen. Aus der Regierungszeit des Grafen Friedrich Christian (1681 bis 1728) wird hingegen ein beklagenswerter Zustand überliefert: "Gleichsam ruinieret." Einem Sohn Albrecht Wolfgang (1728 bis 1748) geschuldeten Rückgewinn der Pracht folgte unter Graf Wilhelm (1748 bis 1777) das Ausradieren des Residenzgartens. Wilhelm, einer der fähigsten Defensiv-Strategen seiner Zeit, ließ ihn unter Bastionen verschwinden. Unter Philipp Ernst (1777 bis 1787) lautete die Parole: Marsch, Marsch zurück - eine der ersten Maßnahmen des Neffen des kinderlos gestorbenen Wilhelms war, die Wälle einzuebnen und den Garten wieder herzurichten. Seine Idee von der Zweiteilung des Gartens in eine Ertrag bringende und eine landschaftliche Hälfte ist bis heute erkennbar. Südlich der "Lindenallee" finden wir Eichen und Buchen, aber kaum Nadelgehölz; im nördlichen Teil ist die Artenvielfalt ausgeprägter. Im ausgehenden 18. Jahrhundert erfuhr der Obstbau, Ästhetik und Zweckdienlichkeit gleichermaßen einbeziehend, einen beträchtlichen Aufschwung. "In Bückeburg findet man einen Schlossgarten", protokolliert Elise Freifrau von Hohenhausen im Jahre 1819, "wo Nutzen und Vergnügen sich vereinen". "In der gantzen Umgebung giebt's keine solcher edler Obstarten in reichlicherer Fülle." Nach dem Tod ihres Mannes bestimmte Fürstin Juliane (1787 bis 1799) die Geschicke. Sie berief 1790 Clemens August von Vagedes zum Landbaumeister. Der Berufung folgten Planungen und Taten, die den Garten ebenfalls bis heute prägen. Wegenetz und Baumbestand sind noch genau zuzuordnen. Der frühe Tod von Vagedes und Juliane unterbrach die weitere Ausdehnung der Parkanlagen in die Landschaft. In die Zeit des Fürsten Adolf Georg (1860 bis 1893) fallen die durchgreifende Erneuerung des Schlossgartens und der Beginn der Verlagerung der Ökonomiebetriebe. Der nördliche Teil des Schlossgartens wurde komplett geräumt und angelegt. Zentrales Element ist seitdem das große Teppichbeet, der heutige Rosengarten. Im Mai 1906 besuchte der Wiener Garteninspektor Franz Maxwald die Residenz. Fürst Georg (1893 bis 1911) hatte den Österreicher beauftragt, "einige Theile der Hofwiese parkähnlich anzulegen und mit dem Schloßgarten zu verbinden". Er überreichte der Hofkammer einen (später nicht umgesetzten) Plan, durch den das komplette Areal, von der "Lulustraße" bis zum Weinberg, von den Fischteichen bis zum alten Schlosspark, in einen riesigen Landschaftsgarten verwandelt werden sollte. Eine großzügige Erweiterung erfolgte unter Fürst Adolf (1911 bis 1918) im Zuge des Mausoleums-Baus. Ursprünglich ein eigener abgeschlossener Parkteil, ist der große, beruhigend wirkende Mausoleumspark heute Bestandteil der öffentlich zugänglichen Gesamtanlagen um das Bückeburger Schloss. "Angesichts des zunehmenden Verlustes an Landschaft sehnen sich die Menschen nach ,schöner" Natur'", resümiert Perl. Die Entwicklung der Besucherzahlen zeige, dass die Hofwiesen diesem Grundbedürfnis gerecht würden. "Gerade der heute so wertvolle, historisch gewachsene Freiraum zieht viel Besucher und Tagesgäste nach Bückeburg", hält der Schlossverwalter fest. Die Stadt profitiere von der Parklandschaft mehr als im allgemeinen Bewusstsein verankert sei.

  • Das zentrale Element des nördlichen Teils des Schlossgartens, der Rosengarten, entstand unter Fürst Adolf Georg. Während der Landpartie biete das Rondell anmutigen Tänzern eine schmucke Kulisse.
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