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Arbeiten im Alter: Firmenchefs beklagen Phantomdiskussion / Im Dienstleistungsbereich vorstellbar

"Das ist für einen 67-Jährigen nicht zumutbar"

Rinteln (wm). Arbeiten bis 67, so will es die Politik. Aber in welchem Betrieb ist das möglich? Eine Frage, die auch Rintelner Unternehmer nicht schlüssig beantworten können. Den allgemeinen Tenor fasst Wesergold-Firmenchef Richard Hartinger jun. pointiert so zusammen: Bis das real werde, also voraussichtlich im Jahr 2012, "fließt noch viel Wasser die Weser hinunter" - wer weiß, ob die Situation nicht dann schon wieder ganz anders aussieht.

In der Produktion von so unterschiedlichen Unternehmen wie dem Getränkehersteller Wesergold und Stüken, Hersteller hochpräziser Stanzteile, wird auch in Zukunft kein 67-Jähriger an einer Flaschenabfüllanlage oder Stanzmaschine stehen. Bei Wesergold wird in bis zu vier Schichten, bei Stüken in drei Schichten gearbeitet. Firmenchef Richard Hartinger (Wesergold) und Personalleiter Werner Broska (Stüken) sind sich da einig: "Das ist für einen 67-Jährigen nicht zumutbar." Stüken-Geschäftsführer Dr. Hubert Schmidt kann sich dafür andere Modelle vorstellen: Etwa 130 Mitarbeiter arbeiteten als Angestellte im Büro, es gebe Schlosser und Elektriker, die nicht im Schichtdienst tätig seien - hier sei Arbeiten bis 67 durchaus möglich. Was Realität ist, zeigt ein Blick in die Mitarbeiterstatistik dieser beiden großen Rintelner Unternehmen. Bei Wesergold mit rund 800 Mitarbeitern sind gerade mal vier Prozent sechzig Jahre alt oder noch älter. Bei der Firma Stüken mit rund 600 Mitarbeitern sind es 5,3 Prozent, 13 Prozent sind älter als 55 Jahre. Dafür gebe es bei Stüken, so schildert Werner Broska, ein anderes Phänomen: Stüken hat überdurchschnittlich viele langjährige Mitarbeiter, die 20, 30, sogar 40 Jahre im Betrieb tätig sind, die teilweise bereits im Unternehmen gelernt haben, was für ein gutes Betriebsklima spricht - auch ein wichtiger Faktor für die Frage, wie lange Mitarbeiter im Unternehmen bleiben. Jörg Höfer, Heizungs- und Lüftungsbaumeister aus Rinteln, hält Arbeiten mit 67 zumindest in Handwerksbetrieben für eine Phantomdiskussion: "Ich würde definitiv keinen 67-Jährigen in meinem Betrieb beschäftigen und habe auch in den vergangenen 40 Jahren nicht erlebt, dass ein 67-Jähriger in unserer Branche gearbeitet hätte. Da klaffen Leistung und Erträge weit auseinander und der Kunde muss schließlich den Stundenlohn bezahlen." Höchstens im Kundendienst kann sich Höfer noch einen 67-Jährigen vorstellen, aber nicht mehr auf dem Bau: "Mit 67 Jahren kann man nicht mehr auf den Knien arbeiten, oder Lasten wie Heizungskessel schleppen." So sieht es auch Tischlermeister Rüdiger Altfeld: "Was soll denn ein 67-Jähriger noch können - vielleicht noch Tätigkeiten in der Werkstatt? Aber auf dem Bau - unmöglich, der kann keine Fenster und Türen mehr einsetzen, weil die Knochen einfach kaputt sind. Das ist völliger Nonsens." Eine Krankenschwester mit 67, die noch Patienten aus dem Bett heben muss? Schwer vorstellbar, sagt Klaus Hei-mann, Pressesprecher des Landkreises. Er hat einmal nachgeschaut: Im Rintelner Krankenhaus (wie auch in Stadthagen) arbeitet derzeit keine Schwester, dieälter als 60 Jahre ist. "Wenn sie noch fit ist", kann sich Ilse Hartmann, Stellvertreterin von Marktkauf-Geschäftsführer Branko Kozic, durchaus eine 67-Jährige an einer Marktkaufkasse vorstellen. Bei Marktkauf in der Konrad-Adenauer-Straße seien rund 30 Kassiererinnen in Teilzeitarbeit tätig, darunter auch über 60-Jährige: "Bei fünf bis sechs Stunden am Tag kein Problem." Bei den meisten Freiberuflern gelten andere Spielregeln. Rintelns dienstältester Rechtsanwalt und Notar, Wilhelm-August Dehne, ist Jahrgang 1937. Niedergelassene Ärzte werden von den Krankenkassen mit 68 praktisch "zwangspensioniert", sie verlieren ihre Kassenzulassung. Das sei auch eine sinnvolle Maßnahme, schildert Dr. Bernd Pietzka (56), Facharzt für Innere Medizin, denn damit würden "Hobby-Praxen" verhindert, Praxen, die Senioren nur noch betreiben, weil sie Spaß daran haben oder ihnen nichts Besseres im Alter einfällt, Praxen, die dem Ärztenachwuchs das Leben schwer machten. Grundsätzlich, sagt Pietzka, sei aber Fitness keine Frage des Alters, er kenne 75-Jährige, "die fitter sind als mancher 35-Jährige". Alles relativ, sagt auch Apothekerin Petra Schäfer, die Anti-Aging-Kurse organisiert: Ein befreundeter Professor kurz vor 70 habe ihr erzählt: "Warum soll ich jetzt aufhören, ich bin gerade auf dem Höhepunkt meines Wissens?" Das sagen sich wohl auch heimische Kommunalpolitiker: Eckard Strohmeier und Horst Requardt beispielsweise haben die 65 längst überschritten, wollen aber für die nächste Legislaturperiode noch mal antreten.

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