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Die Welt zu Hause in Schaumburg: Serie zur Fußball-WM / Viktor Pidpalyy: Drei zu Null für Ukraine

"Dann gewinnen wir eben beim nächsten Mal!"

Uchtdorf. Sollte die ukrainische Mannschaft heute Abend mit der gleichen erfindungsreichen Hingabe Fußball spielen, wie ihr Landsmann Viktor Pidpalyy (42) seine Musik macht, dann dürfte einem Sieg gegen Tunesien nichts im Weg stehen.

Viktor Pidpalyy war Hochschullehrer für Musik in der ukrainischen Stadt Winniza, er beherrscht virtuos das Akkordeon und komponiert in einem überraschenden Stilmix wunderschöne Stücke am Synthesizer. Wenn er diese Musik vorführt, wie im Traum die Regler am Keyboard bedient und dazu das Tastenakkordeon so leichtfingrig spielt, alssei dieses Spielenkönnen einfach angeboren, dann spürt man, dass er damit den Alltag völlig vergessen kann. Immer, in allen seinen Kompositionen, ist das östliche, ukrainische Element herauszuhören, eine mit der unausweichlichen Melancholie gemischte große Lebenslust. Jahrelang war Viktor Pidpalyy regelmäßig nach Deutschland gekommen, auf Tournee mit "Freundschaft", einer Musik- und Tanzgruppe, bestehend aus Hochschulkollegen, die Konzerte gaben, Straßenmusik machten, neue Freundschaften schlossen. Dabei lernte er auch die Rintelnerin Birgit Hesse kennen, und schließlich, vor fünf Jahren, verliebten sich die beiden so sehr, dass es schnell ums Ganze ging. Birgit Hesse schrieb tagelang an Briefen in kyrillischen Buchstaben, Viktor Pidpalyy gab sein bisheriges Leben in der Ukraine auf, er zog nach Rinteln, sie heirateten. "Zum Glück wusste ich damals noch so wenig von den Verhältnissen hier, dass ich nicht ahnte, was auf mich zukommen würde!", sagt er. Sein von ihm so virtuos beherrschtes Akkordeon ist unter deutschen Musikstudenten nicht gerade der Renner, eine Arbeit als Hochschullehrer kam also gar nicht in Frage. Jetzt tritt er manchmal auf Feiern und Festen als Musiker auf, er arbeitet daran, dass seine Kompositionen im nächsten Jahr veröffentlicht werden können, und er leitet, mit großem Spaß, die Männertruppe der Vereinigten Chöre Rinteln. "Die älteren unter den Mitgliedern sind eigentlich ganz genau so wie die Menschen in der Ukraine", sagt er. "Sie haben viel Herz und viel Gefühl." Ja, die Ukraine. Viele Millionen ihrer Bewohner arbeiten im Ausland, um etwas besser leben zu können und ihre Familien im neuen knallharten ukrainischen Kapitalismus zu unterstützen. Und doch sind die gerade Ukrainer berühmt dafür, ihr schönes Land über alles zu lieben. Sie besingen seine Natur in ihren langen leidenschaftlichen Liedern, auch in der Fremde kochen sie so oft wie möglich ihre eigenen Spezialitäten, und es ist absolut typisch, wenn Viktor Pidpalyy voller Überzeugung sagt: "Ich werde immer Ukrainer bleiben!" Mitübertriebenem Nationalstolz hat diese Einstellung nichts zu tun. "Natürlich ersehnen wir einen Sieg der ukrainischen Mannschaft", sagt er. "Und der Druck ist groß, zumindest gegen die Tunesier zu gewinnen, größer als das, was Klinsmann in einem ganzen Jahr aushalten musste." Seine Prognose für den Spielausgang lautet daher: Drei zu Null! "Bei den Ukrainer kann es passieren, dass sie einfach keine Lust mehr haben, wenn sie gleich zu Anfang Gegentore einstecken müssen", meint er. "Aber sobald es wirklich darauf ankommt und sie ihr Spiel finden, sind sie richtig gut!" Und wenn es nun doch nicht klappt? "Dann, ja dann", sagt er langsam, "dann gewinnen wir eben bei einem nächsten Mal!"

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