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Mutter (37) und Stieftochter (18) sterben bei Großfeuer / Überlasteter Mehrfachstecker löst Brand aus

"Bitte helfen Sie uns, wir kriegen keine Luft"

Weserbergland. Diese Nacht wird FatihÖnder (28) aus Fischbeck niemals vergessen können - zu schrecklich waren die Szenen, die er mit ansehen musste. Der Fußballer des FC Flegessen war gestern früh gemeinsam mit seiner Freundin im Auto auf der B 217 unterwegs, als er einen glutroten Feuerschein am Himmelüber Flegessen sah. Önder griff sofort zum Handy, informierte die Feuerwehr und fuhr zum Brandort.

Flammen, die meterhoch aus einem alten Fachwerkhaus an der Flegesser Straße schlugen, wiesen dem Ersthelfer den Weg. "Ich stieg aus und lief zum Haus. Plötzlich fiel ein Baby herab", erzählt der Urkunden-Zusteller. Der Vater des Kleinkindes war - schwer verbrannt - aus einem Gaubenfenster geklettert und hatte seine acht Monate alte Tochter, eingewickelt in einen Schlafsack, aus Verzweiflung aus dem Fenster geworfen, um sie zu retten. Dann sprang der 38-Jährige acht Meter in die Tiefe. Das Opfer schwebt in Lebensgefahr. FatihÖnder ("Ich hätte die beiden so gern aufgefangen") war geschockt, aber er behielt die Nerven, leistete erste Hilfe. Als sieben Minuten nach dem ersten Notruf ein Rettungswagen in Flegessen eintraf, trug der couragierte Helfer den schwer am Kopf verletzten Säugling zu den Sanis. Das Baby wurde noch in der Nacht nach Kassel geflogen, wo es in einer Spezialklinik behandelt wird. Um 11.30 Uhr meldete Kommissar Jörn Schedlitzki: "Das kleine Mädchen ist außer Lebensgefahr." Der Vater hatte kurz vor dem Sprung selbst die Feuerwehr alarmiert: "Wir stehen auf dem Balkon, brauchen eine Leiter. Die ganze Wohnung ist verqualmt. Bitte helfen Sie uns, wir kriegen keine Luft mehr", waren seine Worte. Die Feuerwehren Flegessen, Hachmühlen, Brullsen, Hasperde, Klein Süntel, Bad Münder und Spezialfahrzeuge aus Kirchohsen sowie Notarzt- und Rettungswagen aus Hameln und Bad Münder rückten an. Für zwei Bewohnerinnen kam jede Hilfe zu spät: Die Mutter des Babys (37) starb an Rauchgasvergiftung. Ebenso ihre Stieftochter (18). Trupps der Feuerwehr fanden die Leichen im Dachgeschoss. Die 37-Jährige lag im Schlafzimmer, aus dem ihr Mann das Kind geworfen hatte und selbst gesprungen war. Die 18-Jährige wurde im Wohnzimmer gefunden. Die Polizei nimmt an, dass sie dort auf dem Sofa eingenickt ist. Die sechs Bewohner des Hauses wurden von dem Feuer im Schlafüberrascht. Sie wachten erst auf, als das Treppenhaus schon brannte und der Fluchtweg versperrt war. Die Eltern (63 und 65 Jahre alt) der ums Leben gekommenen Mutter, die das Erdgeschoss bewohnen, wurden von Nachbarn aus dem Bett geklingelt, die das Feuer bemerkt hatten und zu Hilfe geeilt waren. Experten der Polizei fanden rasch heraus, was den tödlichen Brand ausgelöst hat: "Nach unseren Ermittlungen führte aufgestaute Hitze im Bereich einer überlasteten Mehrfachstecker-Leiste dazu, dass im Zimmer der 18-Jährigen Feuer ausbrach", sagte Kriminalhauptkommissar Andreas Zoch vom 1. Kommissariat. Von diesem Raum, der sich in der ersten Etage befindet, fraßen sich die Flammen über das Treppenhaus bis ins Dachgeschoss.

  • Augenzeuge FatihÖnder (l.) schildert Notfall-Seelsorger Michael Ließ das Erlebte.
  • Rettungsaktion auf der Straße: Die Notärztin und ihr Team kümmern sich um den Vater, der acht Meter in die Tiefe sprang. Der Mann schwebt in Lebensgefahr.
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