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Bundestag beschließt heute neues "Arznei-Verordnungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz" / Ärzte im Zwiespalt zwischen Ethik und Existenz

Bald nicht mehr ausreichend Medikamente für chronisch Kranke?

Landkreis (la). "Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Gesetz so schnell verabschiedet wurde?" fragt die RintelnerÄrztin Dr. Ute Richter. "Das ist doch Absicht und geschieht hinter dem Rücken der Öffentlichkeit, damit die Bürger vorher nicht ausreichend informiert werden können."

Heute soll im Deutschen Bundestag das neue "Arznei-Verordnungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) beschlossen, am 10. März durch den Bundesrat verabschiedet werden und schon am 1. April 2006 in Kraft treten. "Die Bevölkerung ist völlig ahnungslos, was da auf sie zu kommt", stellt Dr. Walter Steuber aus Rinteln fest. "Das führt zu einer unzureichenden medikamentösen Versorgung chronisch Kranker." Im AVWG werden Steuerungsgrößen für die Arzneiverordnung definiert, als so genannte Tagesdosen, und daraus abgeleitete so genannte Tagestherapiekosten festgelegt. "Die Tagesdosen liegen systematisch und konsequent deutlich unter den relevanten, insbesondere weit unter den wissenschaftlich geforderten Therapieempfehlungen", berichtet Dr. Steuber. Bei einer Überschreitung der Tagestherapiekosten würde dem verordnenden Arzt unmittelbar das Honorar um 20 bis 50 Prozent des Überschreitungsbetrages durch die Krankenkasse gekürzt. "Die Berechnung der praxis individuellen Tagestherapiekosten erfolgt auf der Basis untauglicher, zum Teil falscher Daten", stellen dieÄrzte fest. Eine angemessene, an internationale Standards angelehnte Arzneitherapie werde vom 1. April an für die wichtigsten chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und vieles andere mehr nicht mehr möglich sein. Die RintelnerÄrzte nennen ein Beispiel: Ein Patient der unter einer Fettstoffwechselstörung leidet, bekommt täglich 40 Milligramm des Mittels Simvastatin. Ab dem 1. April übernimmt die Krankenkasse aber nur eine Tagesdosis von 15 Milligramm. "Das reicht nicht aus", stellt die Neurologin Dagmar Rauch aus Rinteln fest. "Wir können also nicht mehr ausreichend therapieren", meint Dr. Ute Richter. Sollten die Ärzte jedoch die notwendigen 40 Milligramm verordnen, bekämen sie bis zu 50 Prozent der Mehrkosten von ihrem Honorar abgezogen. "Uns bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir werfen unsere Ethik über Bord und therapieren unzureichend, oder wir gehen bankrott", so Dr. Richter. "Außerdem ist uns völlig unerklärlich, wie gerade die älteren Patienten eine 80-Milligramm-Tablette so teilen sollen, dass sie nur noch 15 Milligramm einnehmen", stellt Dagmar Rauch fest. Möglich sei auch, dass die Kosten auf die Patienten abgewälzt würden. "Die können das aber überhaupt nicht bezahlen, weil das viel zu teuer ist", so Rauch. Bei einer Fettstoffwechselerkrankung wären das rund 90 Euro pro Quartal. Aber dabei bliebe es nicht, weil gerade diese Patienten meist auch an Bluthochdruck und anderen chronischen Erkrankungen litten. DieÄrzte befürchten durch die erneuten Einnahmeeinbußen ("Wir überleben sowieso fast nur noch durch unsere Privatpatienten"), dass ein Drittel aller Arztpraxen aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden muss. "Vielleicht ist das das geheime Ziel der Bundesministerin Ulla Schmidt", vermuten dieÄrzte. Dann könnten mehr medizinische Versorgungszentren eingerichtet werden, die die Patienten dann aufsuchen müssten. Eine individuelle Betreuung durch einen Hausarzt würde es dann allerdings nicht mehr geben. "Wir kämpfen nicht für eine bessere Bezahlung, sondern gegen eine unzureichende medikamentöse Versorgung chronisch Kranker", stellt Dr. Steuber klar. Am Freitag, 10. März, bleiben alle Schaumburger Arztpraxen geschlossen, da die Mediziner zur Kassenärztlichen Vereinigung nach Hannover fahren werden, um sich dort gegen das Gesetz auszusprechen. Für Freitag, 24. März, ist wieder ein nationaler Protesttag der Ärzte in Berlin geplant. Hier wünschen sich die Mediziner, dass möglichst viele Patienten dabei sein werden. "DieÄrzteschaft wird gegen das Gesetz kämpfen, aber wir benötigen die Unterstützung unserer Patienten, denn um deren Gesundheit geht es schließlich", fordern die Ärzte auf. Für eine Notfallversorgung ist an beiden Protesttagen gesorgt.

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