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Facettenreiches "Wintermärchen"-Spiel im Le-Theule-Saal / Ein Deutschland-Panorama in 27 Kapiteln

Alexander Finkel bietet Heine mit Gebrauchsanweisung

Bückeburg. Im November 1843 reist der 1797 in Düsseldorf geborene Heinrich Heine von Paris nach Hamburg, um seine Mutter wiederzusehen. Zwölf Jahre hatte er sich nach der "alten Frau" und nach Deutschland gesehnt. Zwei Monate später setzt er sich hin und schreibt ein bitter-fröhliches und satirisch-ernstes Protokoll dieser Reise nieder: "Deutschland - ein Wintermärchen". In 27 Kapiteln rechnet er in diesem Gedicht mit Deutschland ab, bietet ein Panorama der deutschen Zustände im Vormärz und verdeutlicht selbstironisch seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte.

Auf Einladung des Kulturvereins und der Hofbuchhandlung Frommhold bot der durch einen vorausgegangenen Auftritt geschätzte Weimarer Rezitator und Schauspieler Alexander Finkel das lange Poem im Joel-Le-Theule-Saal in gewohnter Meisterschaft als Ein-Personen-Stück auswendig dar. Zunächst entfaltete er in einer Art "Gebrauchsanweisung" Heines Schicksal und die deutschen Verhältnisse. Im Plauderton machte er den politischen Hintergrund der in vielen Dingen durchaus ins Jetzt zuübertragenen Zeitumstände lebendig. Dabei bediente sich der Akteur zuweilen einer gespielten Verlegenheit, so, als wüsste er nicht weiter, fand natürlich doch den Faden und würzte seine Einführung dadurch pikant. Wie von selbst aktualisierte der Künstler das Gedicht in seinem 90-minütigem Vortrag. Er ließ zum Beispiel Kaiser Barbarossa in Stimme und Gestik wie Hitler auftreten, den Vater Rhein kölsch babbeln und den Stammtischstrategen von deutscher Eintracht prahlen. Mal agierte der Protagonist - immer im passenden Dialekt - zärtlich,mal betrunken, donnernd, ironisch, weinerlich und dann wieder schnodderig im Umgangston. Aber er behielt sich voll unter Kontrolle, damit die Wirkung nicht umkippte. Seine Stimme lachte und lockte, drohte und verachtete. Dachte sie "an Deutschland in der Nacht", bilanzierte sie nüchtern die deutsche und die eigene Misere, ohne sich in ein tränenseliges Lamento zu verlieren. Auf diese Weise entlarvte Finke die kraftlosen Kraftmeiereien des ohnmächtigen Vormärzbürgers. Der vor 150 Jahren, am 17. Februar 1856 verstorbene jüdisch-deutsche ge- und vertriebene Kosmopolit Heine, der an seinem Vaterland litt und seine Mutter liebte, war ja bekanntlich verwandtschaftlich auch mit Bückeburg verbandelt, und nicht nur, weil ihm beim dortigen Besuch "Der Boden des halben Fürstentums an den Stiefeln kleben blieb". All dieses beleuchtete Alexander Finkels satirisches Erzähltheater so plastisch, dass anhaltender Beifall folgen musste. Für den Applaus und einen großen Frühlingsstrauß bedankte sich der Wortakrobat mit dem genauso langen wie makabren Gedicht "Der Kirchhof".

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