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Selbstverteidigung für Flüchtlingsfrauen

Zum gezielten Gegenschlag ausholen

HESSISCH OLDENDORF. Jemand nähert sich, holt zum Schlag aus … Gewalt gegen Frauen, viel zu oft verschwiegen und bis vor Kurzem viel zu wenig thematisiert, beherrscht aufgrund aktueller Vorkommnisse die Medien. Es wird diskutiert, nach Schuldigen gesucht oder auch um verständnisvollen Umgang mit anderen Kulturen geworben. Ali Gürpinar, bei der Stadt als Koordinator für die Flüchtlingsarbeit im Ehrenamt tätig, hat lange vor den brutalen Übergriffen auf Frauen in Hameln und Hessisch Oldendorf zwei Maßnahmen zur Prävention angeschoben.

Autor

Annette Hensel Reporterin

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Über Spartenleiterin Astrid Hücker fragte er beim Turn- und Sportverein Rohden an, ob dort ein Selbstverteidigungskurs für junge Flüchtlingsfrauen angeboten werden könne. „Alles lief ganz unkompliziert ab, Schwarzgurtträgerin Bianca Bruns sowie Belana Röser haben sich als Leiterinnen für den Kurs im Judo-Sportraum des TuS bereiterklärt“, berichtet Gürpinar. Er selbst hatte keine Mühe, zwölf Teilnehmerinnen zu finden.

„Jemand nähert sich, holt zum Schlag aus“ – mithilfe der Darstellung dieser Gefahrensituation gewinnt Trainerin Bruns die volle Aufmerksamkeit der Jugendlichen. Mit einer Schrittfolge und gezielten Arm- und Handbewegungen zeigt sie ihnen, wie sie sich bei tätlichen Angriffen verhalten sollten. Im Wechsel nehmen die jungen Frauen aus Afghanistan, Syrien, Albanien, dem Libanon und dem Irak die Rolle von Täter und Opfer ein. Bei den ersten Versuchen klappt es noch nicht richtig, aber dann fühlen sie sich immer besser in die Situation ein und reagieren mit zunehmend sichererer Abwehr: Erst mit angewinkelten Unterarmen das Gesicht schützen, dann zum gezielten, natürlich sanften Gegenschlag ausholen. Erstaunt stellen alle fest, wie schweißtreibend Selbstverteidigung sein kann.

Für ehrenamtliche Frauen in der Flüchtlingsarbeit hat Ali Gürpinar zudem einen Selbstbehauptungskurs organisiert. Der Leiter, Dr. Matthias Wolter erklärt dazu: „Die Ehrenamtlichen sollen ihre Emotionen kontrollieren und angemessen kommunizieren, Konflikte sozial und effektiv führen sowie fair und empathisch handeln.“ Aber es sei für sie nicht einfach „in herausfordernden Situationen die Ruhe zu bewahren, wenn das Herz rast und das Adrenalin in den Körper schießt.“

Das Training „Stärken stärken“ ist speziell auf diese Anforderungen ausgerichtet; im Vordergrund steht Lernen durch situatives Erleben und Bewegung. „Es war interessant, wie theoretische Lerninhalte mit praktischen Übungen und reflektierenden Gesprächen verbunden wurden“, sagt eine Teilnehmerin und ergänzt: „Es wird nie einfach sein, aber ich habe das Gefühl, dass wir dem Ziel ein wenig nähergekommen sind in Konflikten fair und respektvoll miteinander zu streiten.“

Integration und gegenseitiges Verständnis muss gelebt und erkämpft werden. Selbstverteidigung wie Selbstbehauptung sind erste Schritte, um aktiv dem Thema Gewalt gegen Frauen zu begegnen. „Beide Kurse konnten nur dank finanzieller Unterstützung des Vereins ‚Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen‘ in Hannover und des außerordentlichen Einsatzes von Vereinsmitglied Marisa Kretzschmar durchgeführt werden“, betont Ali Gürpinar.

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