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Fatima hofft auf Asyl in Deutschland

Dem Albtraum entflohen

HESSISCH OLDENDORF. „Mann misshandelt Frau“ – aufmerksam studiert Fatima die Titelseite der Dewezet, dankbar, dass über solch ein Thema berichtet wird. Die 31-jährige hat Gewalt am eigenen Leib erfahren, erinnert sich an ihre Ehe als „dunkle Zeit in meinem Leben“.

Autor

Annette Hensel Reporterin

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Vor wenigen Jahren hat sie noch als Radio- und Fernsehmoderatorin in Afghanistan gearbeitet, heute träumt sie davon, sich in Deutschland weiterbilden und wieder als Journalistin arbeiten zu können.

Fatima wächst mit vier jüngeren Geschwistern in Kabul auf. Sie ist wissbegierig, geht gerne zur Schule und macht sogar ihr Abitur – als Beste ihres Jahrgangs. „In unserer Kultur sind Frauen und Männer nicht gleichberechtigt, haben Frauen keine hohe Bildung und besuchen normalerweise kein Gymnasium – aber ich wollte das unbedingt“, erzählt sie und fährt fort: „Meine Mutter fand, meine Rolle sei es, zu heiraten und Kinder zu bekommen, aber mein Vater hat mich unterstützt.“ Als Erste in der Familie studiert sie, Journalismus, macht als Beste von 28 Männern und 8 Frauen ihr Examen. Weil sie noch mehr Hunger auf Bildung hat, schließt sie gegen den Willen der Mutter ein Webdesign-Studium an, ist die einzige Frau in ihrem Jahrgang.

Meine Mutter fand, meine Rolle sei es, zu heiraten und Kinder zu bekommen, aber mein Vater hat mich unterstützt.

Fatima

Bereits in ihrer Schulzeit schreibt Fatima kleine Artikel für ein Familienmagazin, bei dessen Redaktion sie zuvor Fotos und Textproben eingereicht hatte. Aufgrund der Magazinbeiträge nimmt ein Radiosender Kontakt zu ihr auf – da studiert Fatima bereits. Gegen den Willen der Mutter absolviert sie eine Moderatoren-Fortbildung und nimmt einen Job beim Sender an. Ihre Sendung läuft täglich und wird vor allem von Frauen auf dem Land gehört. Vom Gehalt bezahlen ihre Eltern das Schulgeld für die Geschwister.

„Wenn ich gearbeitet habe, suchten wir bei nahen Detonationen oft Zuflucht im Keller und wenn wir mit dem Auto unterwegs waren, gerieten wir auch mal in ein Gefecht und mussten wegrennen“, berichtet Fatima. Das habe sie aber nicht daran gehindert, die ein oder andere Situation mit der Kamera festzuhalten. Zwei ihrer Fotos aus dem vom Krieg erschütterten Kabul hat die BBC gekauft und veröffentlicht. Schließlich wird ein Fernsehsender auf die Studentin aufmerksam. „Dort wurde eine Frau gesucht für eine Sendung rund um Themen wie Kochen, Medikamente, Haushaltstipps oder Buchbesprechungen – das war mein Traum“, erzählt Fatima. Erneut setzt sie sich in ihrer Familie durch und kommt als Fernsehmoderatorin bei den jüngeren Frauen Afghanistans sehr gut an. Doch das Abweichen von der traditionellen Rolle hat Konsequenzen: „Mein Vater durfte nicht mehr in der Moschee beten und unser Vermieter warf uns aus der Wohnung“, berichtet sie von Maßnahmen angesichts der Schande, dass sie als Frau unverhüllt im Fernsehen das Wort ergreife. Unerkannt findet Fatimas Familie eine Wohnung auf dem Lande, wo die Studentin anderen Frauen den Umgang mit dem Computer sowie Englisch beibringt.

„You’re a big problem for us“ ist der Satz, der Fatimas Leben maßgeblich verändert. „Wenn du als Mädchen in Afghanistan älter als zehn Jahre bist, musst du heiraten, sonst wirst du finanziell ein Problem für deine Familie – und ich war weitaus älter …“ Die Eltern finden einen 20 Jahre älteren Mann für Fatima, den sie erst am Tag der Hochzeit kennenlernt. Verheiratet zu sein bedeutet nicht nur, dass sie ihr Webdesign-Studium aufgeben und ihren TV-Job beenden muss, sondern auch, dass sie eine Burka tragen und sich dem Willen ihres Mannes unterordnen muss. Was auch immer passiert, Eltern und Freunde beharren darauf: „Er ist dein Mann und kann mit dir machen, was er will.“ So sei eben die Kultur ihres Landes, meint Fatima. Da die eheliche Gewalt kein Ende nimmt, flieht sie einige Jahre später mithilfe eines Freundes. Die Burka dient dabei als Schutz, denn die Journalistin hat Todesangst, erkannt und zum Ehemann zurückgebracht zu werden. Über den Iran und die Türkei kommt sie Ende 2015 nach Deutschland, lebt seit einem halben Jahr im Hessisch Oldendorfer Stadtgebiet. Kontakt zu ihren Eltern besteht nicht.

Fatima ist eine Kämpferin, die weiterkommen möchte. Sie spricht fließend Englisch („mein Webdesign-Studium war auf Englisch“), Dari (ihre Muttersprache), Paschtu (die Radiosprache) und Urdu (wird in Indien und Pakistan gesprochen), außerdem Russisch und von Tag zu Tag besser Deutsch. „In Gerdy Reinhardt und Willi Sempf habe ich Menschen gefunden, die mich wie gute Eltern unterstützen – ihnen habe ich sehr viel zu verdanken“, sagt sie. Mit großem Elan arbeitet Fatima darauf hin, irgendwann wieder als Journalistin arbeiten zu können. Sofern die Asylbewerberin in Deutschland bleiben darf („das hoffe ich so sehr“), möchte sie gerne über die Rolle der afghanischen Frau berichten – unverhüllt und mit journalistischer Leidenschaft.

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