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Recherche eines polnischen Filmemachers führt zum Münderaner Dieter Schröter

Eine filmische Reise in die Geschichte

Bad Münder. „Ewig hab’ ich ihn gesucht.“ Der Mann, auf den der polnische Filmemacher Michal Wnuk seine Hoffnung setzt, lebt in Bad Münder, heißt Dieter Schröter und ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass er die Antwort auf eine ganz zentrale Frage des Filmemachers hat: Er wird ein Auto in einem Film einwandfrei identifizieren können und so den Schlusspunkt unter eine lange Suche setzen – eine Suche, die als Dokumentarfilm in dieser Woche von der ARD ausgestrahlt wurde.

veröffentlicht am 30.08.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:07 Uhr

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite
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Erzählt wird die Geschichte der Familie Wnuks und auch die Geschichte der Familie Schröters. An den Stellen, an denen sie sich überschneiden, geben sie den Blick frei auf deutsch-polnische Geschichte. Die Vertreibung der Schlesier spielt eine Rolle, der polnische Widerstand im Zweiten Weltkrieg, der Warschauer Aufstand. All diesen Themen begegnet Wnuk bei einer Recherche, die zunächst wenig spektakulär begann: Er stieß auf eine alte orange Fotopapier-Schachtel von Agfa mit der Jahreszahl 1939. Darin zwei 16-Millimeter-Filme und 120 Fotos. Wnuk glaubt, sie gehörte seinem Großvater, der als Arzt in der Wehrmacht diente. Die Bilder zeigen Kriegsgefangene in Frankreich und Russland, den Warschauer Aufstand 1944 aus deutscher Sicht. Wnuk hält Schnappschüsse des Krieges in Händen, doch schnell wird ihm klar: Der Großvater kann diese Bilder nicht gemacht haben, er war nicht an den Schauplätzen.

Der Filmemacher beginnt mit der Recherche. Die Bilder führen zu seinem Großonkel, Elek, als Angehöriger der polnischen Heimatarmee Widerstandskämpfer. Stück für Stück entblättert Wnuk die Geschichte, nach der der polnische Widerstand in einem Fotogeschäft Kopien der von Deutschen eingereichten Negative machte – als Beweis für Verbrechen der Wehrmacht. Die Filme geben Wnuk allerdings Rätsel auf. Sie zeigen unter anderem Situationen eines Ausflugs. Ein Auto, Typ Horch, taucht immer wieder auf. Über das Kennzeichen stößt Wnuk nach Recherchen in verschiedenen Archiven auf eine Spur. Sie führt nach Hirschberg, heute Jelenia Góra, im Riesengebirge. Dort, am Brauplatz, lebte bis 1946 die Familie Schröter und unterhielt einen Fuhrbetrieb. Das Auto könnte dazu gehört haben.

Einfühlsam leitet Wnuk im Film das Gespräch mit Schröter ein, aufgenommen im Wohnzimmer „Über der Lehmkuhle“ in Bad Münder. Der 82-Jährige identifiziert den Horch sofort, hat sogar selbst noch ein Foto, das ihn als Kind auf dem Kotflügel sitzend zeigt. Er erinnert sich an das alte Hirschberg, an Straßen und Plätze seiner Kindheit, an die Vertreibung, den Neuanfang in Bad Münder.

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1946 kam die Familie nach Beber, der Vater Fritz fand Arbeit bei einem Landwirt. Ein Jahr lang war er dort beschäftigt, dann stieg er langsam wieder ins Fuhrgeschäft ein. Erst an den Wochenenden mit einem Traktor und einem Anhänger, auf den Bänke geschraubt waren, später mit einem Bus. Sohn Dieter lernte Autoschlosser, war dann beim Vater beschäftigt. 1974 übernahm Dieter Schröter das Busunternehmen, führte es bis 1997. Bilder der großen Flotte vor dem Steinhof zeigt er Wnuk auch im Film. Durchaus stolz, sein Lebenswerk. Der Grundstein dafür wurde in Hirschberg gelegt. Schröter berichtet dem Filmemacher von seinen Besuchen dort. „Es war schön. Das ist ja meine Heimat. Man ist ja sofort zuhause dort.“

Das Gespräch der beiden Männer ganz unterschiedlicher Generationen – Wnuk könnte Schröters Enkel sein – ist freundschaftlich, fast vertraut. Nervosität ist dem Münderaner nicht anzumerken. „Dabei war ich ganz schön nervös. Das Team kam gleich mit sechs Leuten hier an, und im Film will man ja auch keinen Mist erzählen“, erinnert sich Schröter an die Aufnahmen im Juni zurück. Die Atmosphäre beim Dreh sei sehr nett gewesen. „Viele freundliche junge Menschen. Das hat mir richtig Spaß gemacht.“

Gesehen hat er den 45-minütigen Dokumentarfilm, den „Geschichtskrimi“, zu dem Wnuk seine höchst privat begonnene Recherche verarbeitet hat, am vergangenen Montag. Da war er wieder aufgeregt, gesteht er schmunzelnd. In Ruhe will er sich den Film noch einmal anschauen, wenn er eine DVD von der Berliner Produktionsgesellschaft, mit der Wnuk zusammengearbeitet hat, erhält. Bis dahin bleibt ihm die Mediathek der ARD im Internet: Unter www.ardmediathek.de ist der Film „AGFA 1939 – Meine Reise in den Krieg“ noch abrufbar.



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