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Annette Wunsch und Gian Rupf bereiten „Schaafstall“-Besuchern einzigartigen Theater-Trip

Bahnfahrt wird zum Psychogramm

EGESTORF. Das „Schaafstall“-Ambiente ist absolut passend. Bis an den Rand der nur wenige Quadratmeter großen, mit schwarzem Plastikboden ausgelegten Spielfläche sitzt das Publikum im rappelvollen Saal. So teilt sich jeder Atemzug, jede Geste, jeder Blick der beiden Akteure mit höchster Intensität mit. Man bräuchte nur die Hand auszustrecken und wäre mittendrin im fiktiven Eisenbahnabteil, das erfrischend minimalistisch, einzig durch einen Rollkoffer, zwei Plastikstühle und eine Handtasche markiert ist.

veröffentlicht am 29.03.2017 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.03.2017 um 18:20 Uhr

Vor 30 Jahren schwer verliebt – Annette Wunsch und Gian Rupf sinnieren über die Enttäuschung eines Wochenendes. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter
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Dort treffen Cécile, die erfolgreiche Geschäftsfrau, und Philippe, der etwas aus der Form geratene Loser, unvermittelt aufeinander. In der Tat ein ungleiches Paar, das den Zuschauern schon beim Warten auf den 6-Uhr-41-Zug seine psychischen Befindlichkeiten aus der jeweiligen Perspektive offenbart, dann unvermittelt aufeinandertrifft, schweigend, die Fahrt in wechselseitigen inneren Monologen zum Psychogramm werden lassend, emotionsgeladen, spannend, sich mit atemloser Geschwindigkeit steigernd bis zum abrupten, offenen Schluss.

Thilo Voggenreiter hat das Zwei-Personenstück nach Jean-Philippe Blondels 2014 erschienenem Bestseller „6 Uhr 41“ mit Annette Wunsch als Cécile und Gian Rupf als Philippe auf die Bühne gebracht. Dramaturgisch hervorragend inszeniert und schauspielerisch exzellent präsentiert, kein Ort wäre besser geeignet als die Enge des „Schaafstalls“.

Die beiden ehemaligen Liebenden, deren Geschichte sich in den inneren Monologen erst langsam herausschält und die Zuschauer zwischen Heiterkeit und Mitgefühl schwanken lässt, steigern sich in ein rasantes Tempo, in dem die Perspektiven hin und her springen, und dessen schnelle, fast filmischen Schnitte die Inszenierung der Geschichte dieses ungleichen Paars zu einem wahren Vergnügen machen.

Hier Cécile, ganz Geschäftsfrau, sich fortwährend nachschminkend, kühl und distanziert, doch innerlich verletzt, stets um die Aufrechterhaltung ihrer Fassade bemüht; dort der äußerlich lässige, etwas schlampige Philippe, der nicht mehr viel vom Leben erwartet und sich mit seinem resignativen „Ich mache einfach weiter wie bisher“ selbst etwas vormacht.

Was sich entspinnt, erst mit anhaltendem Schweigen, dann in einem offenen Dialog, ist eine zum Psycho-Trip werdende Zugfahrt, und eine starke Leistung zweier exzellenter Schauspieler, denen man nur im „Schaafstall“ derart eng auf den Leib rücken kann. Fasziniert erleben die Zuschauer, wie beide Akteure zwischen Ablehnung, vorgetäuschter Gleichgültigkeit, Misstrauen, versteckten Ängsten und wachsender Neugier am anderen laut denken. Nachdenklich, humorvoll, feinsinnig, auch betroffen machend, kurz: ein Kammerspiel der Extraklasse. Am Ende frenetischer, sehr lang anhaltender Applaus und völlig gerechtfertigte Bravorufe für zwei Ausnahmeschauspieler und eine starke Inszenierung.

Information

Die Akteure

Annette Wunsch ist vielen Zuschauern neben ihrer Bühnenarbeit vor allem aus zahlreichen TV-Produktionen bekannt. Die aus der Schweiz stammende Schauspielerin spielte unter anderem im „Tatort“, in „Polizeiruf 110“, „Der Alte“, in den „Rosenheim-Cops“ und „Hubert und Staller“ mit. Daneben arbeitet Wunsch auch als Sprecherin für den Bayerischen Rundfunk, Arte und den SRF.

Auch der in Graubünden aufgewachsene Gian Rupf ist Ensemblemitglied an verschiedenen deutschen Bühnen und hat sich vor allem durch musikalische Abende, szenische Inszenierungen und Theaterproduktionen einen Namen gemacht. Wie Wunsch war er in Fernsehproduktionen zu sehen, etwa in „Der Alte“ oder „In aller Freundschaft“.hzs



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