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„Greifenstein“ bei Eimbeckhausen erinnert an Gefallene / Gerundetes Hakenkreuz und Soldatenlied

Als Wandervögel in den Ersten Weltkrieg zogen

Eimbeckhausen. Vor Jahren stieß ich beim Wandern östlich von Eimbeckhausen auf den einsam im Feld auf einer leichten Anhöhe stehenden „Greifenstein“. Ich fand den Stein sogar auf der topographischen Karte „Naturpark Weserbergland“ der Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen verzeichnet. Der abgebildete „Greif“ war Symbol des „Wandervogels“. Das wusste ich. Das gerundete Hakenkreuz, das die andere Seite des Steines ziert, hatte jemand zu entfernen versucht. Einen Reim auf den Stein konnte ich mir nicht machen. Jetzt konnte ich mit der Hilfe von Bernd Meyer aus Böbber das Rätsel des Steines ein wenig lüften.

veröffentlicht am 01.02.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:53 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom
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Der „Wandervogel“ – vor 1900 in Berlin entstanden – war eine von Schülern und Studenten getragene Bewegung, die sich von den gesellschaftlichen Zwängen des Kaiserreichs lösen wollte, um in freier Natur ein freies Leben zu führen. Seine Vorbilder suchte er in der Romantik und der Verklärung des Vagabundenlebens. Man brach auf zur Suche nach der unsichtbaren „Blauen Blume“. Der „Greif“ auf dem Wimpel, der fliegen und wandern kann, also ein Wandervogel ist, begleitete die Gruppen auf ihren „Fahrten“.

Trotz Widerständen, welche die wilhelminische Zeit den Freigeistern entgegensetzte, entstand eine Bewegung, die sich über den ganzen deutschsprachigen Raum ausbreitete. Durch Abspaltungen und Neugründungen entstanden unterschiedliche „Bünde“. Der hannoversche „Alt-Wandervogel“ orientierte sich am Berliner Original. Über 200 Jungen und Mädchen aus Hannover sollen regelmäßig auf „Fahrt“ gegangen sein. Im Jahr 1911 entdeckten sie am Westhang des Deisters einen verfallenen Schafstall und bauten sich aus der Ruine das „Landheim“ Hemschehausen.

Gläubig, also „in heißer Liebe zu Deutschland“, zogen die Wandervögel in die Schlachten des Ersten Weltkriegs. Die Katastrophe dieses Krieges traf die Bewegung schwer. Von etwa 150 Soldaten, welche die Hannoveraner gestellt hatten, kamen 47 aus dem Kriege nicht zurück. Aus den Überlebenden gründete sich der Verein „Männertreu“. Dieser stellte sich die Aufgabe, in der Nähe des Landheimes den gefallenen „Brüdern“ einen Gedenkstein zu errichten. Die „Weihe“ fand 1936 am 21. Juni statt, Johannistag und Sommersonnenwende.

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In die eine Seite ist neben dem Greif die erste Strophe eines Soldatenliedes eingemeißelt: „Ich habe Lust – im weiten Feld – zu streiten – mit dem Feind – wohl als ein – tapfrer Kriegesheld – der’s treu

– und ehrlich meint. 1914-1918. Auf der anderen Seite findet sich unter dem Hakenkreuz der den Toten gewidmete Text: „Ihre heiße Liebe zu Deutschland wuchs still aus den Wäldern der Heimat empor. Ihr junger Tod gab als heiliges Opfer ein ewiges Beispiel für Treue und Mut.“

Das Soldatenlied ist im „Wandervogel-Liederbuch“ von 1912, aber auch im „Chorliederbuch für die Wehrmacht“ von 1940 abgedruckt. Es gehört zu den Liedern, welche die britische Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg den Deutschen zu singen verbot.

In der Welt vor, aber auch nach dem Ersten Weltkrieg waren Kampf und Krieg vielen Menschen stets gegenwärtig. Das Grauenvolle des Krieges ahnten 1914 wohl nur wenige. Nach dem Kriege wollten es viele nicht wahrhaben. Die Tragödien in Langemarck, Verdun, an der Somme und am Isonzo wurden verdrängt oder heroisch verklärt.

Aus heutiger Sicht sind der Stein und das Denken und Fühlen, aus dem heraus er entstand, fragwürdig. Nach zwei mörderischen Kriegen in Europa spricht für uns aus den Texten eine unerträgliche Verherrlichung und Verharmlosung des Krieges und seiner Folgen.

Drückt sich in der Darstellung des Hakenkreuzes nationalsozialistischer Geist aus? Zusammen mit den anderen „bündischen“ Jugendgruppen haben die Machthaber des „Dritten Reiches“ auch den Wandervogel verboten. Versuche, dennoch das bündische Jugendleben weiterzuführen, wurden gewaltsam unterdrückt. Manche Bündische büßten dies im KZ. Insbesondere die Älteren aus der Jugendbewegung versuchten, durch Anpassung irgendwie weiterzumachen. Ist also das gerundete Hakenkreuz eine Konzession an die Herrschenden, gar Ausdruck nationalsozialistischen Geistes?

Alex Aue (1894-1981), Schulleiter in Hannover-Ahlem, der den Stein entworfen hat, sprach selbst von einem „Sonnenkreuz“. Das gerundete Hakenkreuz wurde traditionell von völkischen Gruppen und auch vom Wandervogel als Symbol genutzt. Der Nationalsozialismus hat es als Logo übernommen.

Wie kann 1936, als Bündisches trotz der völkisch-antidemokratischen Ausrichtung vieler Jugendbünde längst verboten ist, eine solche Einweihung stattfinden? Es fällt auf, dass auf den Fotos, die von der Zeremonie erhalten sind, keine Hakenkreuzfahnen zu sehen sind. Es ist nicht auszuschließen, dass die Steinsetzung fast ein subversiver Akt gewesen ist, ein Versuch der Selbstbehauptung.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg trafen sich die in die Jahre gekommenen „Männertreuen“ jährlich zu Pfingsten bei Hemschehausen. 1996 sind die letzten verstorben.

Der „Greifenstein“ in der Feldmark Hemschehausen mit Blick in Richtung Deister.Fotos: Gelderblom

Oben: Das nur unvollkommen getilgte gerundete Hakenkreuz. Unten: Der Greif, das Symbol des Wandervogels.



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