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Syrischer Flüchtling wartet seit April 2016 auf Asyl-Bescheid / Zwei Anhörungen, alle Unterlagen eingereicht

15 Monate nichts

BAD MÜNDER. Wie lange dauert es, bis ein Asylverfahren in Deutschland entschieden wird – die Frage stellte „Die Linke“ im Bundestag. Die Antwort aus dem Innenministerium, bezogen auf das zweite Quartal in diesem Jahr: 11,7 Monate. Ein Durchschnittswert, von dem der Antrag von Jagar Khalil aus Syrien weit entfernt ist.

veröffentlicht am 14.09.2017 um 06:00 Uhr

Die Unterlagen stapeln sich – aber bisher ohne Ergebnis. Der 23-jährige Jagar Khalil aus Syrien wartet noch immer auf seinen Asylbescheid. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite
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BAD MÜNDER. Der Syrer lebt bereits seit eineinhalb Jahren in Deutschland, am 22. April 2016 hat er einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Seine Fingerabdrücke wurden genommen, er wurde ausgefragt, warum er aus dem Kriegsgebiet geflohen ist. Musste Angaben zu seiner Familie machen. In Syrien hofft nicht nur seine Familie auf einen positiven Asylbescheid, sondern auch seine Frau, die er 2015 geheiratet hat.

Sie harrt derzeit bei ihren Eltern aus. Von diesem einen Zettel, der ihrem Mann einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland erlaubt, hängt also auch ihre Zukunft ab. Denn sollte Jagar Khalil einen Asylbescheid bekommen, darf seine Frau nach Deutschland reisen – legal, ohne die gefährliche Mittelmeerpassage oder andere Routen. In der Hoffnung, dass sein Verfahren bis dahin abgeschlossen ist, hatte sie vorigen Monat einen Termin beim Generalkonsulat im syrischen Erbil – ein Termin, auf den man mehrere Monate warten muss. Ein Termin, den Khalils Frau umsonst hatte, denn sie solange ihr Mann noch nicht als Flüchtling anerkannt ist, wird ihre Bitte abgewiesen.

Eine Situation, die Khalils Schwiegereltern nicht verstehen – sie drängen seit Monaten darauf, dass ihre Tochter das Land verlassen kann, machen Khalil Vorwürfe.

„Ich habe alles eingereicht“, sagt der 23-jährige Khalil mehrmals. Dokumente, die die Hochzeit mit seiner Frau beweisen, Unterlagen zu seiner Person, seinen Pass. Alle Dokumente hat er sorgfältig abgeheftet – auf Anfrage kann er weitere Dokumente vorzeigen, die seine Herkunft bezeugen. Bisher musste er zweimal zum Grenzdurchgangslager in Friedland reisen, wo sein Antrag bearbeitet wird. Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück, Fragen beantworten. Am Ende habe man ihm bestätigt: Ja, es wäre alles da, es würde nichts fehlen.

Die letzte Befragung liegt nun ein halbes Jahr zurück. Sechs Monate Stille, sechs Monate, in denen Khalil nichts machen konnte als warten. Er darf weder an Deutschkursen noch an Integrationskursen teilnehmen – bis auf einen Alphabetisierungskurs konnte Khalil seit 15 Monaten nur auf ehrenamtliche Unterstützung hoffen. Deswegen muss ein Dolmetscher seine Antworten ins Deutsche übersetzen, darf er noch keiner Arbeit nachgehe. Sein Lebensunterhalt wird vom Sozialamt gezahlt, solange er noch auf eine Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wartet.

Inzwischen hat er Kontakt zu einem kurdischen Anwalt aufgenommen. Der hat bereits gehandelt – und das Bamf auf Untätigkeit verklagt. Nach Ansicht des Anwalts gibt es keinen Grund, warum sein Asylantrag noch nicht entschieden werden konnte. Das war im Juni – bewegt hat sich trotzdem noch nichts.

Immerhin: In Bad Münder lebt der syrische Kurde nicht allein – er teilt sich mit drei weiteren Syrern die Wohnung. Sie sind gemeinsam vor dem Krieg geflohen, haben es über die Türkei und Griechenland nach Deutschland geschafft – die inzwischen geschlossene Balkanroute, auf der in der Vergangenheit knapp eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Dabei sind es nicht direkt die Bomben des Assad-Regime oder der sogenannte Islamische Staat, die Khalil zur Flucht veranlassten. Es ist vielmehr die kurdische Miliz: Als er für seine Volksgruppe in den Krieg ziehen soll, womöglich auf andere Landsleute schießen soll, entscheidet er sich dafür, den Weg nach Europa, nach Deutschland zu wagen.



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