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Auf manchen Friedhöfen gibt es große Artenvielfalt / Kritik an Öffnung für Radquere vom Basberg

Wo sich Tod und Leben begegnen

Friedhöfe sind Orte der Stille, Orte der Trauer und des Gedenkens. „Zu den schönsten Friedhöfen Norddeutschlands zählt zweifellos der Friedhof am Wehl“, meint Thomas Lehmann, selbst Bestatter, der wegen seines Berufes viele Stätten kennt, auf denen Menschen zur letzten Ruhe gebettet sind. Aber Friedhöfe wie der am Wehl sind gleichzeitig auch Orte des Lebens, denn auf keinem anderen Areal der Stadt ist die Vielfalt der Pflanzen größer, das Leben der Singvögel, vieler verschiedener Fledermäuse und der Eichhörnchen ungestörter als rund um die Gräber unterhalb der Ützenburg. Es ist auch dieser Kontrast, in dem sich Tod und Leben auf dennoch harmonische Weise begegnen, der Friedhöfe zu ganz besonderen Orten der Ehrfurcht macht.

veröffentlicht am 15.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:10 Uhr

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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter

Ein stiller Spaziergang zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass mit den Gräberfeldern – und das nicht nur am Wehl –, ihren höchst unterschiedlich gestalteten Grabstellen und den vielen Namen auf den Grabsteinen auch öffentlich Stadtgeschichte dokumentiert ist, sei es, weil Grabmale wie vielfach auf dem Deisterfriedhof unter Denkmalschutz gestellt sind oder sei es, weil mit den Namen auf den Grabsteinen die Erinnerung an Persönlichkeiten wieder auflebt, die außerhalb des Kreises der Nachkommen bereits der Vergessenheit überantwortet schienen.

Und wenn der Historiker Bernhard Gelderblom über den Friedhof am Wehl führt, werden ganze Kapitel der Zeitgeschichte wieder zum Leben erweckt. Es sind beispielsweise die Gräber der Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das Mahnmal für die gestorbenen Soldaten der Alliierten, die Grabsteine für die Hamelner Opfer der Bombenangriffe auf die Stadt, die Steine mit den Namen der Zwangsarbeiter oder ihrer Kinder, die in Hameln Not und Elend selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht überlebten, die für eine Kultur der Erinnerung von großer Bedeutung sind.

Die Gästeführerin Renate Schulte hat in diesem Jahr eine ganze Reihe von Führungen mit verschiedenen Themen über die Hamelner Friedhöfe durchgeführt – vielleicht auch dies ein Zeichen dafür, dass die Friedhofskultur zumindest für historisch interessierte Menschen wieder einen neuen, höheren Stellenwert erhält.

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  • Noch heute nicht unumstritten: Die Quere für Radfahrer durch den Deisterfriedhof. Foto: wft
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  • Ein Gräberfeld, wie man es sich nicht wünscht: Vor und hinter den Grabstellen kein einziger Baum oder Strauch. Foto: privat

Es war auch die heftige Diskussion Ende der 1990er Jahre über die Öffnung des Deisterfriedhofs für einen Radweg, der den Weg vom Basberg in die Stadt und zurück verkürzen sollte, die deutlich zeigte, dass die Menschen eine besondere Beziehung zu den Ruhestätten ihrer Verstorbenen haben. Dass die Stadt Hameln der Verkürzung des Weges vom und zum Basberg damals einen höheren Stellenwert einräumte als dem Wunsch der Nachkommen, nicht durch mehr oder weniger schnell durch den Friedhof brausende Radfahrer gestört zu werden, sorgt noch heute für leichte Verstimmung.

Wobei zum Beispiel Evelyn Töteberg und ihr Mann Ulrich sich bei der Grabpflege weniger an der Quere stören, als an Radlern, die rücksichtslos sogar die Fußwege befahren. Auch Lehmann hat festgestellt, „dass die auf diesem Friedhof überall langfahren – selbst, wenn da gerade eine Trauerfeier ist“. Das sei früher anders gewesen. Aber die Stadt habe offenbar kein Personal mehr, um kurzzeitig die Wege abzusperren. „Früher war die Quere wenigstens nachts gesperrt. Dass sie jetzt durchgehend geöffnet ist, hat zur Folge, dass man sich morgens über die unappetitlichen nächtlichen Hinterlassenschaften hinter den Gräbern ärgern kann.“ Der Deisterfriedhof sei auch der einzige Friedhof, den er kenne, durch den ein öffentlicher Verkehrsweg führe. Und Klaus Willrich, der von 1985 bis 1990 selbst Friedhofschef in Hameln war und gerade ein Grab pflegt, berichtet, „dass der Deisterfriedhof zu später Stunde zeitweise als Jugendtreff dient“. Er selbst und die Friedhofsarbeiter seien damals ungehalten über den Bau der Quere gewesen. „Aber wir hatten ja nichts zu sagen.“ Der meiste Widerstand sei aber von den Bestattern gekommen. Mit einem Teil ihrer Bedenken hätten sie recht behalten, „denn bei Beerdigungen kommt es hier immer wieder zu Störungen“.

Das macht den Unterschied zwischen Wehl und Deisterfriedhof aus: Am Wehl herrscht ehrfurchtsvolle Stille, auf der Quere durch den Deisterfriedhof scheinen sich dagegen manche Menschen nicht bewusst zu sein, dass Tod und Trauer sich schlecht mit Lärm vertragen.



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