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Er ist eines der letzten Tabus – doch warum sollen wir ihn beschweigen? Eine Serie greift das schwierige Thema auf

Wir reden über den Tod

Nichts, so könnte man meinen, gehört unvermeidlicher zum Leben als der Tod. Doch in unserem Alltag – gehört er dazu? In einer auf Jugend, Schönheit und Leistung geeichten Gesellschaft scheint für den Tod kein Platz mehr zu sein. „Der Mensch in der Leistungsgesellschaft stirbt nicht, er scheidet aus“, pointiert der Schriftsteller Peter Härtling. Schon der Gedanke an die Vergänglichkeit erscheint suspekt, man spricht nicht gerne über das Ende. Der Tod ist eines der letzten Tabus unserer Zeit. Grund genug, endlich über ihn zu reden.

veröffentlicht am 08.11.2012 um 12:32 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:43 Uhr

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Autor:

Frank Werner

Klinik oder Heim: Der Tod wird verdrängt

Obwohl sich heute die allermeisten Menschen wünschen, zu Hause zu sterben, führt der letzte Schritt häufig an abgeschiedene Orte. Gestorben wird auf der Palliativstation oder im Altersheim. Und die Beisetzung erfolgt „in aller Stille“, so als dürfe man die Lebenden damit nicht behelligen. Der Historiker Philippe Ariès nennt diesen Vorgang die „Ausbürgerung des Todes“– im 20. Jahrhundert wird aus dem öffentlichen Ereignis ein privates, aus gemeinschaftlich zelebrierter Trauer kollektives Verdrängen der Gefühle.

An die Stelle des häuslichen Sterbezimmers, in dem Kerzen flackerten und sich Weggefährten zum letzten Besuch einfanden, tritt die Anonymität des Heims oder der Klinik. Bereits vor 80 Jahren konstatierte Walter Benjamin: „Ehemals kein Haus, kaum ein Zimmer, in dem nicht schon einmal jemand gestorben war. […] Heute sind die Bürger in Räumen, welche rein vom Sterben geblieben sind.“

Weit gefehlt, ließe sich einwenden: Ein Blick in heutige Wohnzimmer straft den Philosophen Lügen. Schon an einem durchschnittlichen Fernsehabend wird dutzendfach gestorben. Medial ist der Tod so präsent wie nie. Aber liegt darin ein Widerspruch? Oder erfreut sich das fiktive Schicksal guter Einschaltquoten, gerade weil es das eigene überblendet?

Tatsächlich rütteln Kunst und Medien kräftig am Tabu. Leichen-Ausstellungen wie Gunther von Hagens‘ „Körperwelten“ überschreiten für alle spürbar die Grenze des Zeigbaren. Aber gerade deshalb erregen sie Aufsehen: Indem sie sich an der Konvention des Beschweigens und Verhüllens abarbeiten, bestätigen sie deren Geltungsmacht.

Die Scheu vor toten Körpern beruht jedoch nicht nur auf Konventionen, sie wurzelt tiefer. Der Anblick toter Wesen löst unmittelbare Abwehrreflexe aus.

Womöglich ist dafür das evolutionäre Gedächtnis verantwortlich, das intuitiv auf Krankheitserreger schließt. Vielleicht liegt es aber auch an der fixen Wahrnehmung, im Tod anderer unweigerlich das „Mahnzeichen des eigenen Todes“ zu sehen, wie der Soziologe Norbert Elias vermutet. Beides wären ur-menschliche Motive.

Überhaupt fürchten Menschen nur deshalb ihren Tod, weil sie sich als einzige Spezies der Tatsache bewusst sind, dass sie sterben müssen – das unterscheidet Menschen von Tieren. In dieser Gewissheit liegt der Ursprung aller Religionen sowie der Vorstellung, unabhängig vom Körper existiere eine Seele. Noch heute ist die Tradition bekannt, im Moment des Todes ein Fenster zu öffnen, damit die Seele entweichen kann.

Vom Knochenmann zu Goethes Werther

Doch nicht alles erklärt sich biologisch. Wie der Tod wahrgenommen wird, ob als Schrecken oder Faszinosum, wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte. Zwischen den Darstellungen des Mittelalters, die den Tod als furchterregenden Knochenmann zeigen, der seine Macht durch Krieg, Hunger und Pest demonstriert, und der Erhabenheit von Goethes Werther, dem Inbegriff romantischer Todessehnsucht, liegen Welten. Verändert hat sich auch die religiöse Aufladung. Mit Beginn der Aufklärung hat die Kirche ihr jahrhundertealtes Monopol über den Tod verloren, auch wenn die christliche Tradition bis heute unsere Trauer- und Bestattungsrituale prägt. Und manches kehrt auch in neuem Gewand zurück. Die alte, angstbesetzte Vorstellung vom Tod als Feind ist nach der Gegenbewegung der Romantik längst wieder präsent. Nicht wie im Mittelalter, wo Fegefeuer und Hölle drohten, sondern als schwer zu akzeptierende Grenze des Fortschritts. Heute wird der Tod meist als Scheitern ärztlicher Heilkunst interpretiert.

In den Händen der Hightech-Medizin, die unsere Lebenserwartung im letzten Jahrhundert fast verdoppelt hat, sterben Menschen nicht mehr ,einfach so‘. In Todesanzeigen ist zu lesen, dass sie den Kampf gegen Krankheiten verloren haben. Altersschwäche reicht kaum mehr als Ursache, die meisten Menschen in Deutschland sterben heute an Herz-Kreislauf-Versagen und Krebs. Ein natürlicher biologischer Zustand wird „medizinisch etikettiert“, bemerkt dazu die Buchautorin Conny Smolny in ihrer Kulturgeschichte des Todes.

Philosophisch betrachtet ist der Tod seit jeher umstritten. Naheliegend ist die negative Betrachtung: Der Tod raubt das Leben, an dem die meisten Menschen hängen. Für einige Philosophen jedoch ist nur der zu frühe Tod ein wirkliches Übel. Denn wären wir unsterblich – welche Bedeutung hätte dann das Leben? Warum sollten wir dem Credo des „Carpe diem“ folgen, gäbe es noch unendlich viele Tage zu genießen?

In existenzialistischer Betrachtung bewahrt erst das Wissen um die eigene Endlichkeit vor Langeweile und Leere. Aber wäre das wirklich die Folge? Wieso sollen sich die Reize des Lebens abnutzen, nur weil sie kein Ende finden? Der Philosoph und Buchautor Philipp Hübl serviert ein simples Gegenbeispiel: Schokolade schmeckt verzückend, egal wie oft wir sie verzehren.

Eine dritte Schule plädiert dafür, dem Tod weder positiv noch negativ, sondern gleichgültig zu begegnen. Der antike griechische Philosoph Epikur hat diese Position so begründet: „Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht.“ Was sich dem Erleben entzieht, muss dieser Logik zufolge auch nicht gefürchtet werden. Allerdings wird der Tod hier vom Sterben-Müssen separiert. Ist es nicht eher die Perspektive des Todes, die wir fürchten, als den Zustand?

Die bizarre Fraktion der Kryoniker dagegen möchte über den Tod gar nicht philosophieren – sie will ihn aussitzen. Tiefgefroren bei minus 196 Grad. Was nach schlechter Science-Fiction klingt, ist in den USA längst eine Dienstleistung: Kryoniker lassen ihre Körper oder wenigstens ihre Gehirne konservieren, bis sie von der Medizin der Zukunft eines erhofften Tages wiedererweckt werden.

Menschheitstraum der Unsterblichkeit

Ewiges Leben zu erlangen, das bleibt ein ewiger Menschheitstraum. Auch Staatsmänner, Feldherrn oder Künstler versuchen, sich unsterblich zu machen, auf ihre Weise: Sie wollen durch Taten „in die Geschichte eingehen“. Allerdings ist posthume Prominenz etwas anderes als ewiges Leben, denn von der Bekanntheit seiner Werke hat der Erschaffer nichts. Woody Allen hat auf dieses Missverständnis in seinen Worten hingewiesen: „Ich will nicht in den Herzen der Menschen weiterleben, ich will in meinem Apartment weiterleben.“

Es gibt Stimmen, die nur einen Weg für möglich halten, all den großen Fragen um Tod und Lebenssinn adäquat zu begegnen: den des Humors. Was hat der Liedermacher Herman van Veen seinem Publikum neulich im Hamelner Theater zugerufen? „Du hast nur diesen einen Tod. Also mach das Beste draus!“

So geht es, vielleicht.



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