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Abschied von Hase und Igel: Erste Erfahrungen oft durch verstorbene Tiere

Wie Kinder lernen, was der Tod ist

Nach einem letzten Blick auf den Verstorbenen wird der Sargdeckel geschlossen, langsam senkt sich die schwarze Kiste in das Loch hinab. Ein Schluchzen ertönt, während ein paar Sonnenblumenkörner leise auf den beklebten Schuhkarton rieseln – des Piepmatz’ Lieblingsspeise. Der Tod ist überall im Leben – ein toter Frosch im Garten, eine leblose Fliege auf der Fensterbank, ein platt gefahrener Igel auf der Straße. Doch während die meisten Erwachsenen tote Insekten oder kleine Tiere um sie herum kaum wahrnehmen, sind sie für Kinder oft die erste Berührung mit dem Tod.

veröffentlicht am 12.11.2012 um 11:09 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:38 Uhr

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Autor:

Catherine Holdefehr

„Der Tod ist Teil des Alltags“, sagt Eckhard Meier, Diplom-Psychologe von der Erziehungsberatung des Landkreises Hameln-Pyrmont. Kinder davon unter allen Umständen fernhalten zu wollen, sei falsch. „Die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört zum Leben und zur Entwicklung dazu.“

„Jeder kann überall sterben“

Und Kinder gehen entgegen der Ängste, die Erwachsene haben, wenn sie versuchen, das Thema von ihnen fernzuhalten, meist ganz pragmatisch damit um: „Wenn man tot ist, wird man begraben. Sonst würden tote Menschen auf der Straße liegen oder auf dem Gehweg. Sonst stolpert man über die toten Menschen. Sie liegen dann im Weg“, erklärt die fünfjährige Lenja; „Man kann überall sterben. Bei der Feuerwehr. Im Krankenwagen, bei der Polizei. Jeder kann überall sterben“, weiß auch ihr Kindergartenfreund Yannik.

Im Hospiz gibt es mitunter todkranke Kinder, die ihren eigenen Sarg anmalen und sich wünschen, wie ihre Beerdigung aussehen soll, welches Kuscheltier sie mit in den Sarg nehmen möchten. Das seien zwar extreme und ganz besondere Fälle, aber prinzipiell gelte: „Fernhalten und Tabuisieren ist kein Schonen, sondern macht krank“, sagt Meier.

Kinder merken schnell, wenn die eigenen Eltern traurig sind, bekommen Stimmungsschwankungen mit. „Wenn dann keiner mit ihnen redet, sind sie ihren eigenen Fantasien überlassen“, sagt Meier.

Die Frage, ob man Kinder mit zu Beerdigungen nehmen sollte, sei nicht allgemeingültig zu beantworten, prinzipiell ja, doch wichtig sei, zu fragen und zu besprechen, was das Kind wolle und auch im Vorhinein zu organisieren, wer sich dort um das Kind kümmern könne. „Meine Mama hat mich gefragt, ob ich mit zur Beerdigung will“, sagt die fünfjährige Friederike.

Der Opa einer Freundin ist gestorben, zusammen wollen sie hingehen, um bei der Beerdigung dabei zu sein.

Schon im Kindergartenalter haben Kinder eine Vorstellung davon, was bei einer Beerdigung passiert. „Da wird ein tiefes Loch gegraben und der Mensch wird in eine Kiste gelegt und dann wird sie vergraben“, erklärt Friederike. Erfahrungen mit Tod und Beerdigung haben sie schon bei ihren eigenen Haustieren gemacht. „Mein Hund Scotty ist gestorben und wir haben ihn am Tannenzapfenbaum begraben“, sagt der fünfjährige Robin. Blumen wurden auf dem Grab gepflanzt. „Mit Muscheln aus dem Urlaub haben wir seinen Namen geschrieben. Ich gehe manchmal noch gucken“, erzählt er leise, aber mit fester Stimme. „Ich habe extra ein ganz tiefes Loch gegraben, als mein Vogel gestorben ist“, sagt Sam. So tief, dass er auch von der Hündin Bella nicht gestört werden kann, die dort im Garten gerne einmal buddelt. So kommt sie an den toten Vogel nicht heran. Er hat seine Ruhe.

Ute Beermann, Leiterin des evangelischen Kindergartens Hastenbeck spricht mit den Mädchen und Jungen offen über das Thema Tod, wenn ein Kind fragt oder von dem Tod eines Menschen oder Tieres erzählt. „Es ist wichtig, sie nicht alleine zu lassen“, sagt sie.

„Sie haben alle ihre ganz eigenen Vorstellungen, ihre eigene Sichtweise.“ Eine Leiter, die zum Himmel führt, Verstorbene, die auf einer Wolke sitzen oder die tot auf dem Boden liegen, eine flatternde Seele, die zum Himmel steigt – in Bildern bringen Kinder ihre Vorstellungen, was passiert, wenn jemand stirbt, oft zum Ausdruck. „Dann kann man nicht mehr laufen, nicht mehr sehen, nicht mehr zu Hause sitzen und kein Sport mehr machen – man kann gar nichts mehr machen“, sagt Lenja. „Auch nicht mehr reden und zuhören.“

Entwicklungspsychologisch bekommen Kinder erst im Grundschulalter eine Vorstellung davon, dass der Tod endgültig ist. Zuvor sind Sterben und Tod zwar mit Verlustängsten verbunden, die Irreversibilität jedoch nicht fassbar. Vielleicht schläft der Opa nur für längere Zeit oder er ist auf einer längeren Reise? „Wichtig ist, aufzupassen, was man Kindern erzählt“, sagt Meier. So könne die unbedarfte Metapher, dass man beim Tod einfach einschlafe, dazu führen, dass Kinder Angst davor entwickeln, einzuschlafen.

Wichtig sei vor allem, den Kindern einen Abschied zu ermöglichen. Das kann ein Bild sein, das sie malen, eine Lieblingskastanie, die mit ins Grab kommt oder ein Besuch auf dem Friedhof. „Wir haben einen Erinnerungsgarten für Opa“, sagt Friederike. Zur Erinnerung – auch für die Kinder.



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