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Wie Journalisten dem Tod begegnen

In den zurückliegenden Wochen haben wir unterschiedliche Facetten des Tabuthemas Tod beleuchtet: In gut 40 Beiträgen haben wir uns mit der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt beschäftigt und auch die Debatte um die Sterbehilfe aufgegriffen. Wir haben auch gefragt, wie Sanitäter, Pastoren und Polizisten im Berufsalltag mit dem Sterben umgehen. Zum Abschluss unserer Serie lassen wir die Journalisten zu Worte kommen – wie begegnet die Redaktion dem Tod?

veröffentlicht am 30.11.2012 um 10:23 Uhr
aktualisiert am 11.12.2017 um 14:44 Uhr

Die Grenzen der Distanz

Von Kerstin Hasewinkel

In geselliger Runde warf eine Bekannte ein: „Bei der Beerdigung trauern doch nur die Angehörigen. Alle anderen denken: Gut, dass ich da nicht liege.“ Diese Denkweise hat mich schockiert.

Der bekannte Fernsehjournalist Hans-Joachim Friedrichs wird oft mit dem Satz zitiert: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Distanz zu wahren, ist für Redakteure ebenso wie für Ärzte und Polizisten ein Leitmotiv.

Aber auch wir erleben Schicksale, die uns nahe gehen, sodass wir den Mantel des neutralen Berichterstatters abstreifen. Über Monate hinweg habe ich einen leukämiekranken jungen Mann begleitet. Freunde und Familie hatten eine Typisierungsaktion organisiert, die Dewezet berichtete darüber. Schließlich hatte er den Kampf verloren.

Es ist fast unmöglich, hier nicht mitzufühlen. Mir taten die Eltern unsagbar leid. Lange habe ich überlegt, ob ich zur Beerdigung gehe. Ich wollte mich selbst nicht zu wichtig nehmen, schließlich gehörte ich nicht zum engen Bekannten- oder Familienkreis. Würde es vielleicht sogar als unpassend empfunden, wenn eine Pressevertreterin auf dem Friedhof erscheint?

Ich habe mich getraut, habe den Eltern kondoliert, aus einem tief empfundenen Mitgefühl heraus, die so oft als Floskel verwendete Formulierung war aufrichtig gemeint.

Später erreicht mich ein Brief von den Eltern, an den ich mich geradezu wörtlich erinnere, verbunden mit großem Respekt vor diesen ungewöhnlichen Menschen: Sie bedankten sich für den „journalistischen Einsatz zugunsten Leukämiekranker“, und dafür, „dass Sie es sich nicht haben nehmen lassen, unseren Sohn auf seinem letzten Gang zu begleiten“.

Das alles war im Jahr 1998. Heute, so viele Jahre später, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie gut es tut, Unterstützung auf diesem schweren Weg zu erfahren. Wenn man Abschied von geliebten Menschen nehmen muss. Begleiter, die keine Worte brauchen, die einem die Hand reichen – und die bei Beerdigungen von anderen Menschen nicht als Erstes an sich denken.

Pietät und Verantwortung

Von Frank Henke

Der Tod ist ein Teil des journalistischen Alltags – auch in einer Lokalredaktion: Verkehrsunfälle ereignen sich, Menschen begehen Selbstmord, sterben an Krankheiten oder – auch das ist manchmal eine Nachricht – in hohem Alter. Die fast tägliche Frage, die sich der Redaktion stellt, lautet: Wie gehen wir damit um?

Unsere Arbeit folgt dabei einigen klaren Leitlinien. Tote werden auf Fotos nicht gezeigt, lautet beispielsweise eine. Eine Regel, die gleichwohl für Medien mitunter schwer einzuhalten ist. So wurden manche Bilder toter oder sterbender Menschen so oft abgedruckt oder gesendet, dass sie zur Ikone wurden. Robert Capas Bild eines sterbenden Kämpfers im Spanischen Bürgerkrieg ist vielleicht das berühmteste, auch wenn mancher heute an der Authentizität des Fotos zweifelt. Das Bild des toten Uwe Barschel in der Badewanne ging in den 1980er Jahren durch Teile der Presse. Und als 2009 im Iran die Studentin Neda erschossen wurde, verbreitete sich das Handy-Video ihres Todes weltweit, Neda wurde zum Gesicht des Protestes. Wo also wird ein Tod so „öffentlich“, dass Medien sogar dieses Tabu brechen? Unserer Redaktion entscheidet sich im Zweifelsfall dagegen – auch dann, wenn es sich bei dem Toten um Osama bin Laden handelt.

Eine Ausnahme gab es dennoch im Rahmen dieser Serie: Die Ausstellung „Noch mal Leben vor dem Tod“ zeigt die Gesichter von Menschen vor und nach ihrem Tod. Wir präsentierten Beispiele dieser – in unseren Augen – imposanten wie pietätvollen fotografischen Arbeit. Nicht alle Leser haben unsere Meinung geteilt.

Eine andere redaktionelle Leitlinie betrifft die Berichterstattung über Suizide: Der Deutsche Presserat mahnt Medien diesbezüglich immer wieder zur Zurückhaltung. Der Grund ist in Zahlen ablesbar: Detaillierte Berichte über Selbsttötungen führen mitunter zu Nachahmungstaten. Dennoch kann ein öffentliches Interesse bestehen, auch über Selbstmorde zu berichten. Sei es, weil die Umstände der Tat für Aufsehen gesorgt haben, sei es, weil es sich bei dem oder der Toten um eine Person des öffentlichen Lebens handelte. So konkret wie in diesen Fällen wird journalistische Verantwortung selten.

Der Tod wird zur Zahl

Von Frank Werner

Journalismus und Tod: Wer das Begriffspaar googelt, wühlt sich zunächst durch eine Flut von Beiträgen, in denen Internet-Gurus der gedruckten Zeitung publizistische Sterbehilfe angedeihen lassen. Aber darum soll es hier nicht gehen. Weder der Journalismus noch das gedruckte Wort brauchen Anteilnahme, keiner von beiden ist vom Aussterben bedroht.

Es geht um etwas anderes. Für Nachrichtenjournalisten ist der Tod eine Arbeitsroutine. Eine ebenso alltägliche wie abstrakte Größe, die so stark rationalisiert wird, dass man ihren leibhaftigen Schrecken leicht verdrängen kann. Eine Berufskrankheit und -voraussetzung zugleich.

In jedem Newsroom gehört der Tod zum Tagesgeschäft, denn er konstituiert Nachrichten. Ohne Tote ist eine Schlacht keine Schlacht und ein Unglück wird nicht zur Tragödie. Häufig bleibt der nachrichtliche Tod gesichtslos, gerinnt zur bloßen Zahl. Ist sie groß genug, steigt der Nachrichtenwert. Bei Katastrophen und Kriegen gehört der „body count“ zum selbstverständlichen Agenturstil, auch wenn es an jeder empirischen Grundlage gebricht. Geschätzt ist schon gemeldet, Opfer brauchen eine Zahl.

Bisweilen ist die Zahl aber auch nebensächlich. Immer dann, wenn die Entfernung zur eigenen Lebenswelt groß genug ist, um sie aus den Augen zu verlieren.

14 Menschen sind am Montag beim schrecklichen Brand der Caritas-Werkstatt im Schwarzwald ums Leben gekommen. 109 Menschen starben zwei Tage zuvor, als in Bangladesch eine Textilfabrik in Flammen aufging. Das eine wurde zum Leitthema, das andere zur Randnotiz. Der Gedanke, im Tod seien alle Menschen gleich, wird im Nachrichtenjournalismus täglich widerlegt.

Keine Angst vor Kitsch!

Von Christa Koch

Meine Frau liest in der Zeitung immer zuerst die Todesanzeigen.“ Was meist etwas spöttisch klingt, hat für Tageszeitungsredakteure einen ganz anderen Hintergrund: Wer ist gestorben, dem man möglicherweise einen Nachruf widmen müsste?

Denn auch das ist eine wichtige Aufgabe für Journalisten: einen Menschen ein letztes Mal zu würdigen, nicht nur, weil er prominent war, sondern vor allem, weil er zu Lebzeiten viel für die Gemeinschaft getan hat. Nicht immer ist es ganz leicht, dafür die richtigen Worte zu finden. Da ist es hilfreich, den Verstorbenen gut oder zumindest lange gekannt zu haben.

Nachrufe brauchen Takt und Behutsamkeit. Aber keine Angst vor Kitsch! Gefühle dürfen, müssen sogar sein, wenn man dem Menschen gerecht werden will, den man stellvertretend für viele andere noch einmal ehrt. Es ist eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, wenn man über einen Toten schreiben muss. Hat man diesen Weg gefunden, muss man eigentlich nur noch zu Papier bringen, was das Herz bewegt. Und wenn Hinterbliebene sich später sogar für die „einfühlsamen Worte“ bedanken, dann war alles richtig. Auch wenn’s schwer war.

Die Frage nach dem Warum

Von Ulrich Behmann

Seit mehr als 25 Jahren bin ich Journalist. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, über Tragödien und Katastrophen zu berichten. Der Tod ist für mich in dieser Zeit beinahe zu einem ständigen Begleiter geworden. Das hat mein Leben verändert. Denn erst durch meinen Beruf ist mir bewusst geworden, wie endlich das Leben ist. Vorher hatte ich das verdrängt.

Der Tod lässt mich nicht kalt, er beschäftigt mich. Heute mehr denn je. Früher habe ich geglaubt, ich würde mich mit der Zeit an Leid und Elend gewöhnen und die Schicksale anderer Menschen nicht mit nach Hause nehmen. Aber das ist mir nur selten gelungen. Mord, Totschlag, Unfall, Feuer – es sind Momente wie diese, in denen mir bewusst wird: Der Tod ist allgegenwärtig.

Die Frage nach dem Warum hat mich oft beschäftigt. Immer, wenn Menschen ganz plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen werden, muss ich an die Angehörigen denken. Auch, wenn ich sie nicht persönlich kenne: In Gedanken bin ich dann bei ihnen. Häufig spreche ich mit meiner Frau über die Dinge, die mich belasten. Ich muss sie mir wohl manchmal von der Seele reden.

„Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben“, hat Goethe gesagt. Und so ist es auch – wir können nichts daran ändern. Ich jedenfalls nutze den Tag, versuche jede Stunde als Geschenk zu sehen, denn ich weiß: Irgendwann ist alles vorbei.



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