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Wenn der Tod zum Beruf gehört

Sie haben gelernt, auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren: Für Pfleger, Pastoren, Sanitäter und Bestatter gehört der Tod zum beruflichen Alltag. In unserer Serie berichten Annette Fischer, Helmut Syska, Sigrid Sell und Uwe Böger, wie sie mit dem Sterben konfrontiert werden – und wie sie damit umgehen.

veröffentlicht am 08.11.2012 um 12:34 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 14:42 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Natürlich weine auch ich manches Mal, wenn jemand in unserem Haus stirbt. Das ist keine Schwäche, es kann einfach gar nicht anders sein“, sagt Annette Fischer, Pflegedienstleiterin im Hamelner Pflegeheim Tönebön. Auch Pastor Helmut Syska aus Krankenhagen kennt die Situation, dass ihm Tränen kommen, wenn er mit dem Sterben eines Menschen konfrontiert ist, ebenso wie Sigrid Sell vom Rettungsdienst des DRK Hameln oder der Rintelner Bestatter Uwe Böger. Sie alle haben Berufe, in denen die direkte Begegnung mit Tod und Trauer zum Alltag gehört.

Emotionen dürfen Hilfe nicht behindern

Am extremsten ist das wohl bei Sigrid Sell der Fall, die, inzwischen Ausbilderin, zehn Jahre lang im Fahrdienst des Rettungsdienstes tätig war. „Ich hatte zuerst eine völlig falsche Vorstellung von meiner Arbeit. Im Jobcenter meinten sie damals, ich müsse hauptsächlich alte Leute zum Arzt fahren. Während der Ausbildung dachte ich dann so oft: ,O Gott, o Gott, Hilfe!‘“ Selbst jetzt sei dies ihr erster Gedanke, wenn sie zu einem schweren Notfall gerufen werde. „Das vergeht dann zwar schnell, wir haben ja gelernt, wie man mit solchen Situationen umgeht. Einmal im Jahr macht jeder eine Notfall-Kompetenz-Prüfung, damit im Ernstfall alles nach Schema abläuft und keine Emotionen die nötige Hilfe behindern.“

Ihr fällt ein junger Rettungsassistent ein, der zu einer Patientin mitkam, bei der es aussah, als könne man sie noch retten und dann starb sie doch. Der Berufsanfänger hatte sich ganz toll um die verstörten Angehörigen gekümmert, aber dann fiel seinen Kollegen auf, wie er immer stiller wurde. „Wir erfahrenen Leute kennen das ja, fast jeder von uns musste Ähnliches durchstehen.“ Wenn ein Geschehen, zum Beispiel bei einem katastrophalen Verkehrsunfall, nur schwer zu verarbeiten ist, folgt ein ganzes Wochenende mit Gesprächen und psychologischer Begleitung.

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  • „Weinen ist keine Schwäche“: Pflegedienstleisterin Annette Fischer.
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  • „Das kann einen auch selbst zerreißen“: Bestatter Uwe Böger.
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„Mir tun auch oft die Angehörigen so leid, nach einem Suizid etwa oder einem plötzlichen Herzanfall. Auch wenn Menschen schon über 80 Jahre alt sind, trauern die Anverwandten und es ist trotzdem schlimm auch für uns. Zum Glück sind wir fast immer zu dritt bei solchen Notfällen. Je routinierter wir handeln können, desto beruhigender ist es für die Betroffenen.“ Außerdem arbeite man meist mit festen Kollegen zusammen. „Wir gehen nach einem Einsatz nie gleich nach Hause, sondern setzen uns noch zusammen und besprechen alles. Trotzdem, es gibt Bilder, die verfolgen einen noch bis in den Urlaub hinein.“ Dann müsse man versuchen, Tröstliches entgegenzuhalten, den Gedanken an Menschen, die durch den Einsatz gerettet wurden oder an überraschende Geburten, wo danach alle nur glücklich waren.

Pflegedienstleiterin Annette Fischer hat weniger häufig mit sehr dramatischen Todesfällen zu tun. „So seltsam es vielleicht klingt, das Sterben kann auch schön sein“, meint sie. „Die Menschen hier sind ja doch schon sehr alt, oft auch krank, schwach und einfach müde vom Leben. Sie wollen dann sterben, sie sind damit einverstanden. Und was es auch für uns leichter macht: Niemand muss dabei Schmerzen erleiden. Es dürfen ja inzwischen Medikamente wie Morphium gegeben werden.“ Das Schlimmste sei eigentlich, wenn einer der Bewohner im Krankenhaus sterben muss. „So fern von uns einfach aus dem Leben zu verschwinden, obwohl wir doch oft enge Bindungen haben – das empfinde ich als besonders hart.“

Dass der Tod in ihrem Beruf eine so große Rolle spielen würde, war ihr gar nicht recht klar gewesen, als sie eher zufällig eine Ausbildung zur Altenpflegerin begann. „Ich hatte allerdings Glück und merkte, dass ich auch mit diesem Aspekt der Arbeit gut umgehen kann. Immer wieder aber sind hier Vorpraktikanten, die daran verzweifeln, die nach einem Todesfall, vor allem, wenn sich das Sterben länger hinzieht, nicht mehr richtig schlafen können, die richtig mitsterben. Man muss diese Balance finden können zwischen Einfühlung und Abstand. Jeder von uns macht entsprechende Fortbildungen und wir arbeiten auch mit dem Hospizverein zusammen. Die Angehörigen werden einbezogen und können bei uns auch übernachten. Wenn der Tod nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet, ist es irgendwie leichter für alle.“

Wichtig sei, dass man sich in der Biografie der alten Menschen auskenne, so dass man ihnen tröstende Worte sagen kann. „Meine Erfahrung ist: Fast niemand möchte allein sterben. Das zu wissen, macht unsere Sterbebegleitung so sinnvoll, vor allem, wenn wir eine fehlende Familie ersetzen. Sterben müssen alle Menschen, und wir können dazu beitragen, dass es ein ,schöner Tod‘ wird. Mit diesem Gedanken kann man sich dem allen leichter stellen.“

„Todesfälle verfolgen mich oft noch lange“

Ab und zu kommt es vor, dass Pastor Helmut Syska aus Krankenhagen mitten in der Nacht von Notarzt oder Rettungsdienst angerufen wird, um einer Familie beizustehen, in der es einen nächtlichen Todesfall gab. Dann gilt es, einer verzweifelten Frau oder weinenden Kindern beizustehen und dabei die Ruhe zu bewahren, auch dann, wenn man den Verstorbenen selbst gut kannte. „Wenn ich danach morgens in der Frühe zurückkehre, dann kann ich nicht einfach einschlafen“, sagt er. „Ich rede dann mit meinem Gott darüber. Todesfälle verfolgen mich oft noch lange, wegen der Angehörigen, die ich versuche auch zu trösten, wenn es erst mal keinen Trost gibt.“

Gerade, wenn ein junger Mensch tödlich verunglückt ist oder ein Mensch mittleren Alters an einer Krankheit sterben muss, dann seien die Gespräche mit den Angehörigen nicht leicht. „Für manchen bin ich der Vertreter Gottes auf Erden und soll diese schwere Frage beantworten: ,Wie kann Gott sowas zulassen?‘ Die Verzweiflung und auch Wut, die in diesem Moment aufsteigt, tritt dann mir entgegen.“ Doch er könne das verstehen, es gehöre auch zur Ausbildung, mit genau diesen solchen Anwürfen umgehen zu können. „Bei mir darf man fluchen, weinen, Vorwürfe machen“, sagt er. „Wenn das überstanden ist, öffnen sich meistens andere Türen und mit Glück wird es möglich, den Tod zu akzeptieren.“

So etwas wie eine „Supervision“ gäbe es für Pastoren nicht, weder regelmäßige Treffen mit Kollegen noch mit Psychologen. „Ich rede mit meiner Frau über die Dinge, die mich bedrücken. Man hängt doch an den Menschen in seiner Gemeinde und trauert ebenfalls. Wenn ich damit immer alleine dastünde, das könnte ich wohl kaum ertragen.“ Die Gespräche, auch die Predigt, helfen nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem Pastor. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Schulpastor verunglückten in relativ kurzer Zeit drei Schüler. Da gab es in der Schule Kondolenzbücher und alle zusammen gestalteten einen Gottesdienst. „Man muss über den Tod sprechen und sich ihm stellen“, sagt er. „Sonst wirft er einen um.“

Der Rintelner Bestatter Uwe Böger muss oft an Menschen denken, für deren Beerdigung er zu sorgen hatte. Vor allem eine alte Frau geht ihm nicht aus dem Kopf, die sich heftig weinend über den Sarg ihres Mannes legte und sich weigerte, ihn ziehen zu lassen. „Sowas kann einen auch selbst zerreißen“, sagt er. „Vor allem als junger Mann, als ich durch die Familie meiner Frau in den Beruf einstieg, da dachte ich oft: Das halte ich einfach nicht aus!“ In der ersten Zeit als Bestatter verfolgten ihn die Toten, die er zu waschen, zu kleiden, in den Sarg zu legen hatte oft so sehr, dass er mit dem Gedanken spielte, diese Arbeit aufzugeben. „Wir Bestatter sind ja oft die ersten, die nach dem Notarzt bei den Angehörigen auftauchen. Ich hätte niemals gedacht, wie viel Seelsorge mit unserem Beruf verbunden ist.“ Inzwischen ist er die Ruhe selbst, wenn er mit Hinterbliebenen über die Beerdigung spricht. Dass er manchmal, wenn er allein auf dem Friedhof vor dem frischen Grab steht, einfach nur tieftraurig ist, das drängt er seinen Kunden nicht auf. „Ich setze mich, so oft es geht, auf mein Rad und radle Richtung Hameln. An der Weserbrücke stelle ich mir vor, wie ich die ganze Last einfach in den Fluss fallen lasse und kann dann erst mal befreit zurückkommen.“ Was ihn nicht bereuen lässt, Bestatter geworden zu sein: „Dass ich den Menschen wirklich helfen kann. Sie brauchen jemanden, der alles gelassen für sie organisiert. Es geht nicht darum, mitzuleiden, es geht darum, so was wie der Fels in der Brandung zu sein.“



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