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Neben hoher Sensibilität brauchen Notfallseelsorger auch eine „Checkliste“

Wenige Worte, die alles verändern

Wenige Worte können manchmal für Menschen von einer Sekunde zur anderen die Welt zusammenbrechen lassen. „Wenn Sie mit der Nachricht vom Tod eines nahen Angehörigen in ein Haus kommen, ändert sich dort alles“, sagt Pastor Joachim Wittchen, Beauftragter für Notfallseelsorge in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Umso wichtiger ist in einer solchen Situation die größtmögliche Sensibilität – verbunden mit einem hohen Maß an Professionalität.

veröffentlicht am 22.11.2012 um 14:20 Uhr
aktualisiert am 19.11.2016 um 15:07 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Es gibt kein Handbuch, wie sich die Überbringer einer Todesnachricht zu verhalten haben, und dennoch orientieren sie sich an klaren Regeln und an einem festen Gerüst: „Wie die Feuerwehr ihre Gefahrenmatrix im Kopf hat, haben wir in der Notfallseelsorge unsere Checkliste, die wir abarbeiten“, erklärt Wittchen.

Der Bad Pyrmonter ist für 57 Kirchenkreise zuständig und heute vor allem in der Aus- und Weiterbildung tätig. Er hat häufig mit Polizisten und Pastoren zu tun, die in solchen Situationen Extremes leisten müssen. Bei aller Vorbereitung: Niemand weiß, was im speziellen Fall passieren wird, wenn jemand mit einer Todesnachricht konfrontiert wird.

„Wir bereiten uns vor, auf fachlich hohem Niveau. Beim Überbringen der Nachricht ist vor allem Sensibilität gefragt.“ Sorgfalt gehe dabei vor Schnelligkeit, auch wenn sich beispielsweise eine Nachricht von einem Unfall auf Facebook verbreiten könnte – zunächst müssten alle Fakten geklärt und die Identität des Verstorbenen zweifelsfrei feststehen. Eine wichtige Frage, die vorab geklärt wird: Sind Kinder betroffen? Wittchen: „Es ist ein Unterschied, ob ich einer 68-jährigen Frau eine Nachricht überbringen muss oder einer 32-Jährigen und sich dort noch zwei oder drei kleine Kinder in der Wohnung aufhalten.“

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  • Pastor Joachim Wittchen

Die Seelsorger werden von der Polizei hinzugezogen, wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss. Die Notfallseelsorge ist ein überkonfessioneller Dienst der Kirche für die Menschen – „und keine Organisation der Kirche, um Mitglieder zu akquirieren“, macht der Pastor deutlich. Koordinator vor Ort ist Pastor Michael Ließ, der das System im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont leitet. Wittchen: „Wir arbeiten auch eng mit dem Kirchenkreis Schaumburg zusammen.“

Es gibt eine zentrale Handynummer, die nur der Leitstelle der Polizei bekannt ist. Die Notfallseelsorge ist für die Akutbegleitung im Einsatz zuständig, aufgebaut wurde ein regelrechtes Netzwerk, das im Falle des Falles ineinandergreift. 20 hauptamtliche und eine ehrenamtliche Kraft stehen in Hameln-Pyrmont rund um die Uhr zur Verfügung, inzwischen sind auch Muslime darunter.

Grundsätzlich wird laut Wittchen versucht, einen Kollegen vor Ort zu erreichen. Und dann zählt vor allem die gute Vorbereitung. Gemeinsam werden die Hinterbliebenen aufgesucht. Wittchen: „Eine derartige Nachricht wird nie im Stehen überbracht, beispielsweise auf dem Flur, das ist ein absolutes No-Go. Alle müssen sich setzen.“

Die Polizei ist für die Fakten zuständig, berichtet, was passiert ist, beantwortet auch Fragen, beispielsweise, wo der Leichnam sich befindet. „Wir sagen nichts, was aus ermittlungstaktischen Gründen noch relevant sein könnte“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Axel Brünger. Er leitet seit 2005 das Fachkommissariat 1 bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden, das unter anderem für Brand- und Todesermittlung, Sexualdelikte und häusliche Gewalt zuständig ist. Der 54-Jährige war viele Jahre im Einsatz- und Streifendienst tätig, auch im Kriminaldauerdienst.

Auf das Überbringen von Todesnachrichten werden Polizisten zwar in ihrer Ausbildung theoretisch vorbereitet, wie Kommissar Arthur Wiebe berichtet. Der 24-Jährige kommt frisch von der Akademie: „Wir haben das in Ethik durchgenommen, das war ein Tagesseminar.“ Erfahrungen müsse man jedoch erst sammeln, weiß auch er. Die größte Angst, so hat Wittchen bei seinen Seminaren erlebt, sei, im Gespräch etwas falsch zu machen. Doch diese Bedenken teile er nicht – er beobachte eine große Sensibilität bei den Beteiligten. Sein Rat: „Mensch bleiben in einer großen Solidarität, aber auch einer großen Distanz.“

Gesagt wird nur, was wirklich gesichert ist. Bei der Information selbst kommt es auf klare Formulierungen an, die keine Hintertürchen offenlassen dürfen. Das Schlüsselwort laut Wittchen: „Er (oder sie) ist tot.“ Die Leute müssten die Chance haben, es wirklich zu verstehen. Bei den Reaktionen ist mit allem zu rechnen, berichten Brünger und Wittchen: „Zuallererst kommt oft: ,Das kann ich nicht glauben.‘ Hier geht es nicht darum, zu reden, sondern nur zu zeigen: Ich bin da, ich höre zu, ich habe Zeit.“

Brünger berichtet, er habe bereits „alles erlebt – von stoischer Gelassenheit bis hin zum Kreislaufzusammenbruch“. Auch der Pastor kennt Wutausbrüche als eine Reaktion auf die Todesnachricht: „Der kann mich doch hier nicht mit allem alleine lassen…“ Die Menschen seien in diesem Moment stark suizidgefährdet. Der Seelsorgebeauftragte unterscheidet zwischen zwei Formen: der hyperaktiven Schockreaktionen und der apathischen Trauerschockreaktion. „Oft steht die Frage nach dem Warum im Vordergrund – doch die können auch wir nicht beantworten“, so Brünger. Für die Polizei – die freilich auch bei Bedarf eine ärztliche Versorgung sicherstellt, manchmal sogar den Notarzt präventiv informiert, endet der Einsatz mit dem Erläutern der Fakten. Wittchen: „Der Seelsorger hält der Polizei den Rücken frei, damit die irgendwann gehen kann.“ Nun gebe es drei Phasen: Stabilisieren, orientieren und Ressourcen aktivieren.

Zunächst müssten die Menschen fassen, was passiert ist. „Wir können ihnen helfen, ihre Gedanken zu sammeln, zu sich selbst zurückzufinden“, sagt der Pastor. Ein dosierter körperlicher Kontakt sei erlaubt, wenn die Situation dies erfordere. In der „Orientierungsphase“ gelte es, nichts zu beschönigen – und auf die Frage „darf ich jetzt weinen?“ mit „Ja“ zu antworten. Das Gegenüber solle spüren, dass es nicht alleine ist. Und das ist auch Bestandteil der dritten Phase, in der Ressourcen aktiviert werden. „Wenn dann ein Kaffee gekocht wird, sollte das der Betroffene ruhig selber machen, auch wenn es noch so lieb gemeint ist, wenn das beispielsweise die Tochter oder Enkelin übernimmt. Wichtig ist, dass wieder ein Stückchen Alltag einkehrt“, erklärt Wittchen. Sollen Freunde oder Familienangehörige benachrichtig werden, übernimmt dies im Idealfall eben auch der Betroffene selbst. Auch dies seien erste Schritte in die Normalität. Abschließend könne das „soziale Netzwerk“ greifen – wenn Nachbarn oder Bekannte aktiviert werden. Dann zeichne sich auch ein Ende des Notfalleinsatzes ab. In der Regel sind bis dahin zwei oder drei Stunden vergangen. Es gibt auch Fälle, in denen keine sozialen Kontakte vorhanden sind, jemand lieber alleine bleiben will oder aber offensichtlich suizidgefährdet ist – vom Hinterlassen einer Visitenkarte bis zum Einschalten eines Arztes reichen hier die Möglichkeiten je nach Fall. Allerdings: „Es handelt sich um einen Akuteinsatz, nicht um einen Gemeindeeinsatz, und dessen Rahmen darf nicht gesprengt werden“, so der Seelsorger.

Hilfe benötigen nach extremen Situationen auch die Helfer selbst: „Der Polizeidienst ist ein Dienst mit hoher psychischer Belastung“, weiß Wittchen, der auf die angebotene Polizeiseelsorge verweist. Und die wird laut Brünger auch in Anspruch genommen. Ein entsprechendes „Coaching“ werde irgendwann zur Pflichtveranstaltung – „wer einmal da war, macht das wieder, das ist ein gewisser Automatismus“. Besonders dramatische Situationen, wie beim Busunfall 2006 in Coppenbrügge, bei dem zwei Jugendliche starben, gebe es immer dann, wenn Kinder betroffen sind. Eine Nachbereitung sei unerlässlich: „Allein dadurch, dass darüber gesprochen wird, wird die Schwere abgemildert“, sagt Brünger.

„Wir müssen alle für unsere Psychohygiene sorgen“, sagt Wittchen: „Wenn es mir selber dreckig geht, gehe ich raus, Holz hacken oder mit den Kindern etwas unternehmen.“

Morgen lesen Sie: Wie sieht der Tod eigentlich aus? Lebens- und Leidensgeschichten in Bildern.



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